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26 Feb
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Die Ewigkeitschemikalie PFAS wird als Gesundheitsgefährder zunehmend zum Problem. Die Öffentlichkeit reagiert immer sensibler darauf. Jana Söffken, Donald Dibra und Nebosje Ilic haben das richtige Gespür gehabt. Als Gründer des Münchner Start-ups PFASuiki, gereift im Inkubator des japanischen Tech-Konzerns TDK, haben sie eine effektive, kostengünstige und vor allem umweltschonende Methode gefunden, diese renitenten chemischen Verbindungen - mehr als 10.000 davon gibt es - zu zerstören. Die Entwicklung ist aufwendig, am Ende aber deutlich vorteilhafter als das teure Filtern von kontaminierten Wasser mit Aktivkohle. Mülldeponien oder Kläranlagen haben das Problem, den Ewigkeitsdreck der Chemieindustrie und der Konsumenten zu beseitigen. In zwei bis drei Jahren will PFASuiki kommerziell starten. Dann gibt es vielleicht mit weniger PFAS mehr Suiki - japanisch für „klares Wasser". 

 München, 26. Februar 2026 - Von Rüdiger Köhn

Für Jana Söffken, Donald Dibra und Nebosja Ilic gibt es nur die eine Option: Zerstörung. „Es muss vernichtet werden - das ist von Anfang unser Ziel gewesen“, ruft Donald Dibra die Losung für das Münchener Hardware-Start-up PFASuiki aus. Mit dem ausgemachten Erzfeind „Es“ meinen er und seine Mitgründer die Ewigkeitschemikalie PFAS, die dank seiner Resistenz gegen Wasser und Fett aus dem Produktions- und Konsumalltag nicht wegzudenken ist. „Es“ findet sich in imprägnierter Kleidung, Kosmetika, Teflon-Pfannen oder Backpapier, ja selbst im Löschschaum.

Doch Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (Per- and Polyfluoroalkyl Substances, abgekürzt: PFAS) kann in vielen seiner mehr als 10.000 auftretenden chemischen Verbindungen krebserregend, damit ein Gesundheitsrisiko für Mensch und Leben sein. So preiswert (etwa 20 Euro pro Kilogramm), so extrem resitent, stabil und hartnäckig PFAS als Material ist, es baut sich so gut wie gar nicht ab, sammelt sich an und nimmt im Umweltkreislauf immer größere Dimensionen an. Die Verbindungen sind extrem klein, kleiner als 50 Mikrometer, und können nur einen Bruchteil der Größe von Mikroplastik ausmachen. Das macht deren Beseitigung schwierig. Die Forderungen nach Produktionsverboten und konsequenter Beseitigungen werden immer lauter. Warnrufe hat es schon über Jahrzehnte gegeben. Doch erst seit wenigen Jahren ist das öffentliche Bewusstsein über die Folgen deutlich gewachsen.

Zerlegen in harmlose Bestandteile

Für Söffken (37), Dibra (45) und Ilic (32) eine harte Nuss: Daher greifen sie zu ihrer kompromisslos-radikalen-ultimativen Lösung. Sie haben eine Technologie entwickelt, mit der die renitenten Verbindungen durch elektrochemische Oxidation in ihre harmlosen, für die Umwelt unbedenklichen Bestandteile zerfallen; kostengünstig, schnell, effektiv, energieschonend. PFASuiki bietet damit einen Gegenpol zur derzeit gängigen Methode, die Schädlinge aufwendig über Aktivkohle aus dem Wasserkreislauf herauszufiltern und zu reduzieren. Im Anschluss muss das kontaminierte Filtrat jedoch bei hohem Energieaufwand mit Temperaturen von über 1200 Grad Celsius verbrannt werden. Es bleibt die Gefahr, dass in diesem Prozess noch Reststoffe freigesetzt werden.

                   Nebosje Ilic, Jana Söffken, Donald Dibra (v.l.)                                  Foto Rüdiger Köhn

PFAS findet sich vor allem im Wasser, wird entweder bei der Produktion oder etwa beim Wäschewaschen in die Abwässer geleitet. „Positive Resonanz auf unsere Lösung kommt vor allem aus dem Bereich der Mülldeponien und der Abwasserbehandlung“, sagt denn auch Jana Söffken. „Die haben schließlich das Problem, dass sie mit dem belasteten Abwasser umgehen müssen und nicht einfach in die Umwelt ablassen dürfen.“ Und fügt hinzu: „Auch wenn sie nicht die Erzeuger des Problems sind.“

Dementsprechend sind Deponien und Abwasserbehandler die Hauptadressaten der von PFASuiki entwickelten Technologie - und damit die künftige Hauptklientel. Auch Industrieabwässer wären damit zu behandeln. Wasserwerke können solche Anlagen anwenden, wenn Grundwasser von PFAS derart stark kontaminiert ist, dass es Richtwerte überschreitet. Dazu wird es nach oben gepumpt, gereinigt und danach wieder zurückgeführt. Das gibt es heute schon, nur eben über Aktivkohle-Filtration. Wird PFAS als Chemikalie nicht verboten, fallen damit die Lasten bei Mülldeponien und bei Kläranlagen an, damit beim Gebühren- und Steuerzahler. Das Verursacherprinzip greift nicht: „Man kann ja nicht nachvollziehen und nachweisen, woher das PFAS stammt, das sich da im Wasser ansammelt“, wendet Donald Dibra ein.

                         Kläranlagenbetreiber sind neben Mülldeponien Hauptadressaten. Foto PFASuiki

Es kursieren zum Teil abenteuerliche, nicht immer belastbare Studien über die Folgeschäden, die PFAS verursacht, hinter die selbst Soeffken und Dibra Fragezeichen setzen. Eine Untersuchung steigert sich in eine unvorstellbare Summe von von 106 Billionen Dollar, die in die Beseitigung von PFAS weltweit gesteckt werden müsste, das jährlich produziert wird. Andere Marktanalysen beziffern den Markt für Technologien zur Beseitigung auf 70 Milliarden Dollar; aber eben alles mit Vorsicht zu genießen. Die Bandbreiten aller Untersuchungen über Folgekosten für Gesundheit und Beseitigung sind extrem, reichen von zweistelligen Millionen bis zu dreistelligen Milliardenbeträgen.

Nach Angaben von Dibra könnte das System von PFASuiki bezogen auf die operativen Kosten um 50 bis 60 Prozent günstiger im Vergleich zur Verbrennung von Kohle-Filtrat sein. Das ist nur eine grobe Schätzung, hängen solche Vergleiche doch entscheidend von den Stromkosten ab. Eine von PFASuiki errichtete Anlage könnte sich nach etwa sechs bis acht Jahren amortisiert haben. Wobei Dibra mit Blick auf die zumeist klammen Kassen von Städten, Kommunen, Gemeinden und öffentlichen Einrichtungen treffend anmerkt: „Es geht dabei weniger um die Investition, als vielmehr darum, woher das Geld dafür kommen soll.“

DaaS statt SaaS - „Destruction-as-a-Service"

Die Investition in eine Großanlage, die mit Pumpen und Filtersystemen vor allem aber mit der Elektrolyse-Installation als Nukleus besteht, erreicht schnell siebenstellige Summen; abhängig davon, wie groß sie ist und wieviele tausende Kubikmeter Wasser behandelt werden sollen. Sie kann in Modulen errichtet werden, um flexibel die erforderlichen Kapazitäten bereitzustellen. Das Plug-and-Play-System lässt sich einfach in eine bestehende Infrastruktur von Kläranlagen oder Deponien integrieren. Dabei will das Start-up die Anlage an den Kunden verkaufen, der sie dann betreibt. Als ein Geschäftsmodell will es aber auch ein „Destruction-as-a-Service“ anbieten, wie Dibra es formuliert. PFASuiki würde die Anlagen aufstellen, besitzen und betreiben, wofür der Kunde etwa für jeden gereinigten Kubikmeter Wasser eine Gebühr zahlt. Das Betreibermodell ist das lukrativere, da es dem Unternehmen langfristig wiederkehrende Einnahmen sichert. Ein Kunde könnte die Kapazitäten auch Dritten anbieten, die ihr kontaminiertes Wasser anliefern dort reinigen lassen.

               Modell von PFAS-Verbindungen: lange Kette, kurze Kette          Foto Rüdiger Köhn

Das Grundprinzip des Systems klingt einfach. Es sei ja schon Jahrzehnte alt, sagt Dibra. Die Elektrooxidation erfolgt mit zwei Metallplatten beziehungsweise Elektroden im Wasser, die unter Strom gesetzt werden. Die zerlegten Bestandteile von Fluorid-Ionen, Kohlenstoffdioxid und H2O (Wasser) können folgenlos in die Umwelt gegeben werden. Und doch ist die Entwicklung der Technologie im Detail sehr forschungsintensiv und zeitaufwendig. Das Besondere und zugleich das Neue daran ist die Beschichtung der Metallplatten,die es so bislang nicht gibt. Die Abnutzung ist gering. Chemische Zusatzstoffe und Additive sind nicht notwendig, was den Prozess vereinfacht und den Verschleiß gering hält. Vor allem ermöglicht die Technologie einen sehr geringen Energieeinsatz, was es besonders attraktiv macht. Sekundär-Abfall gibt es nicht.

Aufgezogen im Inkubator von TDK

PFASuiki ist kein klassisches Start-up. Es ist geboren und gewachsen im Inkubator des japanischen Technologieunternehmens TDK; früher dem Verbraucher bekannt als Hersteller von Audio- und Videokassetten. TDK hat sich in seiner Metamorphose zum B2B-Anbieter von elektronischen Bauteilen und Komponenten wie Kondensatoren, Sensoren, Magnete, Ferrite oder Netzteile unter anderem für die Autoindustrie, Telekommunikation oder Elektrotechnik gewandelt. Auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern betreiben die Japaner Inkubationszentren, in denen Mitarbeiter angehalten werden, Ideen einzureichen und ihrem Entwicklungsdrang freien Lauf zu lassen. Jana Soeffken und Donald Dibra lernten sich erst bei der Ausschreibung eines Projektes im Inkubator der TDK-Europazentrale in München kennen. Wasserbehandlung und -management stand für sie von Anfang an im Fokus. In einem Team mit sechs Kollegen aus den verschiedensten Disziplinen des Konzerns tüftelten sie Anfang 2023 an einem Projekt.

In einer ersten Phase prüften sie drei Monate lang Technologien und Marktpotentiale zum Thema Wasserqualität. Sie überzeugten - und arbeiteten in der zweiten Phase an einem konkreten Modell. PFAS war zunächst gar nicht ein Thema. Da aber die Konkurrenz im Wassermanagement sehr groß gewesen ist, kamen auf einen noch kaum bestehenden Markt für den Kampf gegen die Ewigkeitschemikalie. Sie arbeiteten ein Konzept aus - und bewiesen richtiges Gespür für ein Thema, das schnell an Brisanz zunehmen sollte.

               Im neuen Labor in Oberhaching                                                             Foto Rüdiger Köhn 

„Es gibt auch andere Start-ups, die an dem Problem arbeiten“, sagt Jana Söffken. „Aber es gibt noch keine Lösung, weshalb großes Potential vorhanden ist.“ Neben der Aktivkohle wird beispielsweise an einem Plasma-Verfahren gearbeitet. Zwischen zwei Elektroden wird mit hohem Energieaufwand Hochspannung erzeugt, die Blitze auslöst und ein Gas (Plasma) entzündet; eine nicht minder aufwendig zu entwickelnde Technologie, die jedoch in den Augen von Dibra schwer skalierbar sei. Soeffken und Dibra gehen einen anderen Weg: Sie entwickelten eine besondere Beschichtung der Elektroden, wobei sie auf bestehende Grundmaterialen von TDK zurückgreifen konnten. Im September 2023, nach sechs Monaten, stand ihre Machbarkeitsstudie. Die Experimentierphase begann und endete im Februar 2024.

Als Dritter - und Externer - stieß kurz darauf Nebosja Ilic zu den beiden Gründern. Er ist als Chemieingenieur von der TU München gekommen, wo er bereits über PFAS geforscht hatte. Zur Unternehmensberaterin und an der FH  studierenden Internationale Facility Managerin Söffken und dem Elektrotechnik-Ingenieur Dibra kam die wichtige Expertise in dieser sehr speziellen Thematik ins Team.

Jana Söffken, 37, bezeichnet sich als „studierten Hausmeister". An der Fachhochschule Münster hat sie International Facility Management studiert. Parallel fing sie bei der Feondor Asset Management an und blieb dort zweieinhalb Jahre. Danach war sie viereinhalb Jahre als Consultant mit Schwerpunkt Immobilien für die Unternehmensberatung EY tätg. Sie wechselte zum japanischen Konzern TDK nach Tokio, wo sie viereinhalb Jahre blieb. Mitte 2023 zog sie nach München und blieb in der TDK-Europa-Zentrale weitere zwei Jahre, bis zum Carve-out von PFASuiki am 1. Juli 2025 in eine GmbH.                           Foto Rüdiger Köhn  

Im November 2024 haben die Drei noch einmal bei TDK gepitcht, abermals überzeugt und das Go für die Ausgliederung erhalten. Sie begannen im Frühjahr vergangenen Jahres offiziell mit dem Projekt PFASuiki. „Suiki“ ist japanisch und heißt „klares Wasser“. Zum 1. Juli 2025 erfolgte der Carve-out in eine GmbH, Im September zogen sie in eigene Räume in Oberhaching, im Süden von München, wurden geeignete, bestehende Laborräume und Büros angemietet. Die Belegschaft mit sechs Mitarbeitern wird gerade ausgebaut. Die Laboranlagen werden in diesen Monaten mit hochspezialisierten Geräten ausgestattet. „In den nächsten Schritten setzen wir alle notwendigen Prozesse im Labor mit Experimenten und den Analysetools auf“, sagt Jana Söffken. Das sei die Voraussetzung und Basis für die Piloten und die Machbarkeitsstudien.

Den Akzent kann Donald Dibra, 45, nicht unterdrücken. Der Österreicher hat an der Universität Wien Elektrotechnik mit Schwerpunkt Telekommunikation studiert und arbeitete später bei der ehemaligen Siemens-Gesellschaft Epcos in München (Hersteller von elektronischen Bauteilen). Im Herbst 2018 wechselte er zu TDK in die Europa-Zentrale in München, wo er bis zur Ausgründung von PFASuiki Mitte 2025 in der Forschung und Entwicklung tätig war.                                                                                      Foto Rüdiger Köhn

Im besten Fall soll in zwei bis drei Jahren der kommerzielle Start erfolgen. Ein erster Pilot startet im März oder April mit einer Mülldeponie in Italien. Die Pilotphase kann sechs bis zwölf Monate dauern. Neben dem Aufbau der Labor-Infrastruktur hat die Suche nach weiteren Pilotkunden Vorrang. Für jedes Projekt muss aufwendig eine eigene Machbarkeitsstudie erstellt werden, da für jede Anlage und für jeden Kunden das individuelle Profil mit PFAS-Konzentration, Zerstörungsgrad und auch Energieverbrauch zu ermitteln ist, um die Hardware aufzubauen. Allein das kann schon drei Monate dauern. Zugleich dienen diese Studien dem Sammeln wichtiger Daten für die künftige Prozesse und Projekte.

Nebosja Ilic, 32, hat zunächst an der Uni Leipzig Chemie-Ingenieurwesen studiert und den Master gemacht, bevor er über Zwischenstationen zur TU München wechselte. Dort hat der gebürtige Serbe seinen Doktor gemacht, sich mit Wasser-Management sowie -Analysen und insbesondere mit PFAS befasst hat. Im Februar 2024 fing er als dritter Mitgründer bei PFASuiki an.                                                                                                          Foto Rüdiger Köhn 

Mit weiteren potentiellen Testkunden stehe man in Kontakt. Die stärksten Rückmeldungen kämen derzeit von Mülldeponien, sagt Soeffken. „Wir brauchen erste konkrete Ergebnisse.“ Es sei eine lange Reise, ergänzt Dibra. „Der Markt ist konservativ, da können wir nicht mit Marketing kommen, sondern nur mit Referenzen.“ Also auch die Datenbasis deutlich erweitern. „Der Start in eine Kommerzphase hängt nicht allein von der Technologie ab, sondern auch von Überzeugungsarbeit.“

Dabei wird auch entscheidend Einfluss haben, inwieweit in den nächsten Jahren die Regularien und Umweltvorschriften verschärft werden. „Niemand wird eine Zerstörung vornehmen, wenn er nicht muss“, sagt Dibra. „Die Frage wird also sein: Wann kommen die Regularien, wie stark werden sie ausfallen und für welche Bereiche gelten.“ Dass sie kommen, daran gibt es angesichts der aufkeimenden öffentlichen Debatten keinen Zweifel.

Eines ist indes heute schon sicher: Im Gegensatz zur ewigen Existenz einer gefährlichen Chemikalie wird PFASuiki ein Start-up und ein Unternehmen mit Endlichkeit sein. Fliegt das Modell und ist es erfolgreich, wird es nach drei bis fünf Jahren in den Konzernverbund von TDK zurückgeholt - oder es wird verkauft werden.

https://www.pfasuiki.com/


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