Einen Roboter so einfach wie einen ganz alltäglichen Laptop zu bedienen, das haben Mladen Milicevic und Kevin Freise mit ihrer unabhängigen Automatisierungsplattform Unchained Robotics erreicht. Sie bewirken eine Kette von Disruptionen in der Welt der Robotik. Die Anlagen können schnell, unkompliziert, flexible, effektiv und kostengünstig installiert werden. Die Gründer aus Paderborn haben mit einem Online-Marktplatz erstmals Transparenz im schwer überschaubaren Angebot der Roboterhersteller geschaffen. Ihr MalocherBot ist ein intelligenter Roboterarm. Das entwickelte, einmalige Betriebssystem - die wichtigste Errungenschaft - bietet den ersten Industriestandard, mit dem Roboter aller Hersteller programmiert und von jedem intuitiv bedient werden können. Innovationen, die die Automation vor allem in mittelständischen Unternehmen beschleunigen soll. Eine Mission: Denn China steht vor der Tür.
München, 6. Februar 2026 - Von Rüdiger Köhn
Es sieht so simpel aus. Der Roboterarm nimmt einen Karton, packt Dinge hinein und legt ihn auf eine Palette. Bis der das jedoch tut, muss jede einzelne Bewegung, jeder einzelne Vorgang, jeder anzusteuernde Punkt programmiert werden - händisch. Das kann dauern.
„Das geht mit uns einfacher“, sagt Mladen Milicevic lapidar, wohlwissend, dass da ein ganzes Stück harter, jahrelanger Arbeit mit verbunden gewesen ist. „Wir haben die Komplexität herausgenommen, können wir dem Roboter etwa das Palettieren in fünf Minuten beibringen, was sonst durchaus zwei bis drei Stunden dauern kann.“
Die Maschinenbau-Ingenieure Mladen Milicevic, 32 Jahre, und Kevin Freise, 33 Jahre, haben 2019 mit Unchained Robotics eine unabhängige Automatisierungsplattform entwickelt, die vor allem mittelständischen Unternehmen den unkomplizierten, zugleich kostengünstigen und damit effektiven Einstieg in Industrie 4.0 ermöglicht. Davor schrecken immer noch viele zurück. Angst vor Komplikationen, Übervorsicht und Unsicherheiten wollen die Absolventen der Universität Paderborn ihnen durch Transparenz und einfaches Handling nehmen.

Mladen Milicevic (links) und Kevin Freise Foto Unchained Robotics
Direkt nach dem Studium haben sich Milicevic und Freise daran gemacht - und gleich eine Kette von Disruptionen in der Welt der Automatisierung ausgelöst. Sie haben mit einem markenübergreifenden Marktplatz für Roboter Licht in einen unüberschaubare Dschungel von Angeboten gebracht, einen bedienerfreundlichen Roboter-Arm namens „MalocherBot“ geschaffen, ein bis dato nicht existierendes, bedienfreundliches Betriebssystem für das Zusammensetzen aller Puzzleteile im komplexen Ablauf der Logistik entwickelt. „Als hätte man es mit einem gewöhnlichen Laptop zu tun, den jeder benutzen kann“, zieht Milicevic einen Vergleich heran. Dass mit diesem System auch Roboteranlagen zu leasen sind, erwähnt Milicevics nur beiläufig, gehört aber genauso zur Disruption. Durch das modulare, flexible und variable Anwendersystem erhält der MalocherBot auf einmal einen Restwert, da er später auch für andere Zwecke umprogrammiert werden kann. Unternehmen öffnen sich so Wege einer neuen Finanzierung, die Investitionen attraktiver machen und die Einstiegshürde in die Automatisierung senkt.
„Unsere große Vision ist, dass wir für Fabriken den passenden Roboter suchen, ihn finden und integrieren“, sagt Maschinenbauingenieur Milicevic. Hinter allem Handeln steht die Frage: „Wie schaffen wir den breiten Einsatz der Robotik vor allem im Mittelstand und den Prozess der Automatisierung zu beschleunigen, in Deutschland wie in Europa?“ Hunderte von Fabriken hätten er und Freise sich angeschaut. Die Erkenntnis sei ernüchternd gewesen: Die vor vielen Jahren auf den Weg gebrachte Industrie 4.0, also die digitale, intelligente Vernetzung der Fertigung, ist bei weitem nicht so fortgeschritten wie gedacht.
Milicevic hat während seiner Arbeit 2018 in China ziemlich deutlich vor Augen bekommen, was geht. „Ich habe gesehen, wie pragmatisch und konsequent die Chinesen automatisieren, womit sie uns weit voraus sind.“ Von dort aus gesehen sei man hier in Deutschland maximal gefordert. Es fehle die notwendige Anpassungsfähigkeit in der Industrie. Zurückgekehrt nach Ostwestfalen reifte schnell die Erkenntnis, dass noch „totale Intransparenz“ bestehe. Viele Mittelständler würden nicht einmal wissen, was ein Roboter, dessen Installation und Betrieb koste und dass das gar nicht teuer sein muss, sich also ziemlich schnell rechne. Mit der Devise „Suchen, Finden, Integrieren“ gründete er Unchained Robotics.
Zunächst ging es darum, über einen virtuellen Marktplatz Transparenz zu schaffen. Er ist nach Milicevics Angaben die erste weltweite Plattform, die Angebote aller Roboterhersteller - von Kuka über ABB, Fanuc und Yaskawa bis hin zu Kawasaki oder Hanwha - mit Preisen und technischen Details zeigen und mit der Konfigurationen möglich sind. Den nutzen nicht nur kleine und mittelständische Unternehmen, sondern auch Große aus der Automotive-Industrie oder Softwarekonzerne.
Daraus leiteten Milicevic und Freise schon schnell die Notwendigkeit ab, alle Puzzle-Teile zusammensetzen zu müssen und eine Komplett-Lösung für Unternehmen anzubieten, wie ein Produkt verpackt und versendet wird. Der MalocherBot sei nicht einfach ein Roboterarm mit verschiedenen Bewegungsachsen, sondern eine Gesamtanlage mit Kameras, Sensoren, Greifern und Sicherheitstechnik, die verschiedene Vorgänge abarbeiten könne. Und wieder der Vergleich mit dem Laptop: „Der Roboterarm ist die Festplatte.“
Der perfekte Übergang zu Punkt drei; die Software oder besser: das Betriebssystem. Mit ihm sollen die zusammengesetzten Puzzleteile reibungslos funktionieren. Das habe es in der Welt der industriellen Automation so noch nicht gegeben. Wie im Laptop mit Windows von Microsoft benötige man auch in der Automation ein Betriebssystem, damit alle Einzelteile miteinander agieren können. „Das haben wir mit dem MalocherBot erreicht, um die geschnürten Pakete nach Bedarf des Kunden individuell und einfach zu programmieren sowie in die Fabrikabläufe zu integrieren.“

Seit der Gründung 2019 hat sich im Geschäftsmodell ein Kettenglied zum anderen gefügt. „Als wir mit dem Marktplatz im November 2020 online gegangen sind, wussten wir noch nicht, das es einer eigenen Software bedarf“, gesteht Milicevic ein. Er war damals sehr erstaunt, dass es keinen Industriestandard gegeben hat. „Mit der Entscheidung, die Software zu entwerfen, haben wir konsequent weitergedacht.“ Es dauerte zweieinhalb Jahre, bis Milicevic und Freise die Lösung mit dem MalocherBot erstmals im Juni 2023 auf der Messe Automatica präsentierten.
Das Betriebssystem ermögliche mit seinem modularen Charakter eine Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten. Es ist hardware- und markenunabhängig, kann auf einem Kuka genauso laufen wie auf einem Yaskawa, ABB oder Fanuc. Die Software bringe die Intelligenz rein, auch Künstliche Intelligenz, die Kamera- und Sensordaten auswertet. „KI ist Grundvoraussetzung; wenn du Einfachheit haben willst, muss das System mitdenken.“
Milicevic setzt sich mit Unchained Robotics eindeutig vom Sondermaschinenbau ab, zu dem Robotik gehört. Während der für die Installation eine Anlage oder einer Roboterstraße sechs bis acht Monate benötige, brauche das System des Start-ups nur die Hälfte an Zeit. Mehr noch: Der Kunde werde in die Lage versetzt, mit einer intuitiven Bedienoberfläche die Anlagen selbst zu steuern, mit der Software zu interagieren und in wenigen Schritten Änderungen vorzunehmen, ohne externe Hilfe bei Umprogrammierungen in Anspruch zu nehmen oder gar Schulungen durchzuführen.
Viele Unternehmen stehen immer wieder vor dem Problem, Logistik-Prozesse anzupassen, wenn sich das Produkt, Größen oder sich das Layout von Produktions- oder Lagerhalle ändert; in Zeiten immer kürzerer Produktzyklen mittlerweile Gang und Gäbe. Umprogrammierungskosten werden mit Unchained Robotics deutlich gesenkt. Die Investition könne sich je nach Anlagegröße schon nach eineinhalb bis zwei Jahren amortisiert haben.
Mehr als 100 Systeme sind bislang installiert worden. Zu den großen Kunden zählen Hausgeräte- und Thermomix-Hersteller Vorwerk (12 Roboter) sowie Albea (25 Roboter), ein großer Anbieter von Kosmetikverpackungen (Tuben, Lippenstifte), ebenso das Lebensmittel-Unternehmen Seeberger oder die Restaurantkette Blockhouse. Über 200 Kunden hat Unchained Robotics, davon nutzen die meisten den Marktplatz. Der Umsatz erreiche mit über 60 Mitarbeitern einen „substantiellen“ zweistelligen Millionenbetrag. Die Hardware wird verkauft oder kann - zumindest perspektivisch gesehen - geleast werden. Das Betriebssystem läuft über das Abo-Modell Software-as-a-Service (SaaS), was wiederkehrende Einnahmen generiert.

Neben Unchained Robotics gibt es andere Anbieter, die die Automatisierung vereinfachen möchten; etwa Wandelbots oder Voraus.Robotic, ebenfalls junge deutsche Unternehmen. Das Paderborner Start-up unterscheidet sich indes in Philosophie und Herangehensweise. „Wir lassen die originale Software des Herstellers am Roboterarm und legen unser System eine Ebene darüber“, erklärt Milicevic. Andere würden die Software des Herstellers überschreiben, also neu programmieren. Warum aber nicht die Vorteile der Roboter nutzen, wenn der Arm sich weich bewege oder der Energieverbrauch gering sei? „Wir können daher deren Vorteile mit unseren gemeinsam nutzen, lässt sich eine enge Partnerschaft eingehen, ist unser Betriebssystem für alle Roboter-Hersteller anwendbar.“ So wurde der MalocherBot 2023 mit Yaskawa auf der Automatica präsentiert. Mit Kuka sei man gemeinsam auf der Ernährungsmesse Anuga Foodtech aufgetreten. „Wir gehen mit den Herstellern eine Symbiose ein, mit dem Besten von beiden Seiten im Angebot.“
Maschinenbau hat Mladen Milicevic schon lange interessiert und im Laufe der Zeit ein Faible für Roboter entwickelt. Für ihn stand schon im dritten oder vierten Semester fest, einmal etwas eigenes zu machen. Und es war ziemlich sicher, dass er direkt nach dem Abschluss ein Start-up gründen möchte. Während des Studiums saß er in einem kleinen mittelständischen Betrieb beratend im Aufsichtsrat, hat bei einem Start-up mitgearbeitet. Auch sonst hat er sich als Consultant betätigt. Bis er schließlich 2018 sechs Monate lang für Mercedes in Schanghai arbeitete, wo er sich mit der Optimierung von Logistikprozessen befasste - und ihm die zündende Idee kam, sich nach der Rückkehr mit Industrie 4.0 und Automatisierung zu befassen.
Lange habe er „gebrödelt“ und Pläne geschmiedet. Er nistete sich in der „Garage 33“ ein, ein Inkubator der Uni Paderborn. Durch einen Kontakt im Fraunhofer Institut, wo er einmal arbeitete, kam es Ende 2018 zur Begegnung mit Kevin Freise. Der studierte auch Maschinenbau an der Paderborner Uni, Schwerpunkt Steuer- und Regelungstechnik, und arbeitete ebenso beim Fraunhofer. Über den Weg sei man sich aber bis dahin nie gelaufen. Freise habe mal gesagt, er sei in die Garage gekommen - und nicht mehr gegangen. Es hat alles gepasst. Freise, der Nerd, bringt seine mathematische und mechatronische Kompetenz ein, Milicevic - „nerdig angelegt“ - denkt nicht nur technisch, sondern auch konzeptionell.
Da stehen sie in der strategischen Ausrichtung von Unchained Robotics trotz laufender Geschäfte noch relativ am Anfang. „Wir arbeiten uns von hinten nach vorne“, sagt Milicevic flapsig. Mit dem Verpacken, Palletieren und Versenden ist der Fokus bislang auf den logistischen Teil am Ende der Produktionskette gerichtet gewesen. Als nächstes will Unchained Robotics damit beginnen, auch in die Fertigungslinien hineinzugehen, jedoch nur im logistischen Bereich, nicht in Produktionsprozessen wie Schweißen. Denkbar ist die Beladung von Maschinen mit Vormaterialien, was heute in der Regel händisch erfolgt. Das bietet sich zum Beispiel in der Automobilindustrie an, wenn es um das Bestücken von Bremsscheiben und Wellen geht.
Neben dem funktionalen Ausbau wagt sich das Start-up in die regionale Expansion. Von Deutschland, Polen, Frankreich, Großbritannien, Schweiz und Österreich aus blickt es hinüber in die USA, ein riesiger Markt. „Das ist das Ziel für die nächsten ein bis zwei Jahre.“ Das soll über das Huckepack-Verfahren geschehen. Mit Ausrüstungen für Albea und zwei anderen, nicht genannten Partnern sollen dort der Markteintritt gelingen und erste „Leuchttürme“ errichtet werden. Je nach Fortschritt ist innerhalb der nächsten 18 bis 24 Monate eine weitere Finanzierungsrunde denkbar, nachdem im Juni vergangenen Jahres zuletzt 8,5 Millionen Euro von bislang insgesamt 16 Millionen Euro eingesammelt worden sind.
Vom „ultimativen Ziel“ nimmt man indes noch Abstand: Asien, allen voran China, den bei weitem größten Robotermarkt. Das ist in Anbetracht der Marktmacht der dortigen Anbieter schwieriges Terrain. Das sei allenfalls mal in vier oder fünf Jahren überlegenswert, nach einer möglichen Etablierung in den USA. Aber das wird dann ein ganz anderes Thema mit neuer Dimension sein - auch wenn die Idee um Unchained Robotics ihren Ursprung in China hat.