Lilium: Der Börsengang steht bevor - endlich


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02 Aug
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Wird nun eine der zahlreichen Ankündigungen des Elektrojet-Bauers Lilum endlich konkret? Ende August oder Anfang September könnte der im März von Vorstandschef und Gründer Daniel Wiegand avisierte Gang an die New Yorker Börse tatsächlich erfolgen. Die Vorbereitungen haben sich hingezogen, auch weil die US-Börsenaufsicht SEC im Stress ist. Sie muss die Flut der Going-Public-Anträge via Börsenmantel bearbeiten. Das amerikanischen Lilium-Pendant Joby Aviation musste ebenso warten und kommt nun nächste Woche aufs Nyse-Parkett.

2. August 2021

Seit drei Wochen fliegt er wieder – der Lilium-Jet. Allerdings hebt der mit 36 drehbaren vollelektrischen Rotoren angetriebene Senkrechtstarter nur als Demonstrator kurzzeitig am Sonderflughafen Oberpfaffenhofen bei München ab. Und in den nächsten Monaten laufen nur die Tests mit dem Fünfsitzer, der nie auf den Markt kommen wird. 

Der eigentliche Jet, mit dem das 2015 gegründete Start-Up den Markt für Flugtaxis im weitesten Sinn erobern will, wird erst nächstes Jahr als Prototyp des größeren Siebensitzers aus der Fertigungshalle des Flughafengeländes rollen. Bis dahin dürfte Lilium endlich börsennotiert, das Unternehmen finanziell solider aufgestellt sein und weitere Finanzierungsrunden von Risikokapitalgebern überflüssig werden. Denn bis spätestens Ende September soll der Gang an die New Yorker Börse erfolgen, was Vorstandschef und Gründer Daniel Wiegand Ende März eigentlich schon für Ende Juni anvisiert hatte (siehe auch "Senkrechtstarter an der Wall Street" vom 30. März 2021) . 

                              Anderes Konzept: Joby Aviation mit klobigen Propellern          Foto Joby Aviation 

Das könnte sogar noch im kalendarischen Sommer erfolgen, wenn nicht gar Ende August, Anfang September. Die gewählte Form über die Fusion mit einem Börsenmantel (Spac) gestaltet sich offenbar komplizierter als zunächst angenommen - mit all den langwierigen Zulassungsprozeduren. Das musste auch Joby Aviation erfahren, das amerikanische Pendant zu Lilium. Für den  E-Flugzeugentwickler aus dem US-Bundesstaat Kalifornien sollte schon im März die Börsenglocke in der Wall Street ertönen. Nun hat er für den 11. August diesen Schritt angekündigt – wenn am 5. August die Fusion mit dem Börsenmantel von den Aktionären abgesegnet sein sollte. Das aber ist eine reine Formalie. Zu den erheblichen Verzögerungen soll die geradezu inflationäre Antragsflut von Spacs (Special Purpose Acquisition Companies) bei der US-Börsenaufsicht SEC beigetragen haben, die zu bearbeiten und zu bewältigen sind.

Gelingt tatsächlich der Börsengang von Lilium in den nächsten Wochen, könnte Wiegand zumindest eine der Vielzahl von Ankündigungen in den zurückliegenden Wochen und Monaten wahrmachen. Das ehrgeizige Flugprojekt wird schließlich von Fachleuten immer wieder in seiner Machbarkeit angezweifelt. Konkrete Fortschritte des Projektes "Lilium" werden immer dringlicher, um die Ernsthaftigkeit und auch die Seriosität des Vorhaben zu unterstreichen, das Wiegand und zwei andere Absolventen der TU München vor sechs Jahren aufgesetzt haben.

Selbst den Demonstrator hat bislang so gut wie niemand im Flugmodus zu sehen bekommen; von ein paar kurzen Videoschnipslen auf der Internetseite des Unternehmens abgesehen. Es geht hier nicht um Kleinigkeiten: Mit dem geplanten Börsengang und der damit verbundenen Kapitalzufuhr von insgesamt 830 Millionen Dollar wird Lilium immerhin mit 3,3 Milliarden Dollar bewertet.

                              Filigrane Eleganz: der Lilium-Jet                                                            Foto Lilium

Die derzeitigen Flugversuche des eVTOLs ( electric Vertical Takeoff and Landing) erfolgen in der hintersten Ecke des Flugfeldes in Oberpfaffenhofen, wo selbst Paparazzi kaum Chancen haben dürften. Es gilt die höchste Geheimstufe. Lilium gelang Ende März ein Coup und überraschte die Öffentlichkeit mit der Nachricht, tatsächlich ein größeres Flugzeug mit sieben Sitzen (sechs Passagiere, ein Pilot) auf den Markt zu bringen.

Seitdem folgte eine Ankündigung nach der anderen. Immer wieder neue Absichten wurden verlautbart So auch an diesem Montag: Nun haben die Bayern mit der brasilianischen Fluggesellschaft Azul eine Absichtserklärung über die Lieferung von 220 Elektrojets für eine Milliarde Dollar oder 840 Millionen Euro unterzeichnet. Es gehe zugleich um eine geplante strategische Allianz. Azul werde die Flotte betreiben und warten, Lilium die Plattform zur technischen Überwachung der Flugzeuge, die Batterien sowie Ersatzteile und Materialien bereit stellen.

Rio, München, Orlando

Azul ist nach eigenen Angaben die größte brasilianische Fluggesellschaft mit einer Flotte von 150 Flugzeugen und 12.400 Beschäftigten. Mit ihr solle zudem ein gemeinsames Netzwerk in dem südamerikanischen Land mit jährlich fast 100 Millionen Fluggästen im Inland entstehen. Der „regionale Hochgeschwindigkeitsverkehr" solle  grundlegend verändert werden, hieß es. Verbindliche Verträge gibt es indes noch nicht. Die sollen bis spätestens Ende dieses Jahres unterzeichnet werden.

Im April gab Lilium bekannt, an den Flughäfen München und Nürnberg Knotenpunkte für einen Netzbetrieb mit einem regelmäßigen Pendelverkehr zu errichten. Ziel sei es, in wenigen Jahren Flugverbindungen zwischen verschiedenen Standorten zu einem Preis anzubieten, der mit denen herkömmlicher Verkehrsmittel vergleichbar sein soll. Auch hier gibt es nur Absichtserklärungen, noch wenig Konkretes. Im September 2020 wurden ähnliche Grundsatzabkommen mit den Flughäfen Düsseldorf und Köln getroffen, zuvor ebenso die Vereinbarung zum Bau eines „Vertiports“ in Lake Nona bei Orlando in Florida.

Von 2024 an soll der 1,5 Tonnen schwere senkrechtstartende Jet fliegen, der kommerzielle Start mit regelmäßigen Netz-Verbindungen wohl 2025 beginnen. Wegen der größeren Version werden die Parameter für den Reiseflug des Liliums kleiner ausfallen. Nach der jetzigen Auslegung wird er 282 statt bislang 300 Kilometer in der Stunde schnell fliegen. Die Reichweite liegt bei 250 statt 300 Kilometern.

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