Lilium-Chef: Daniel Wiegand fordert sich heraus


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04 May
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Fliegen hat Daniel Wiegand schon als Kind begeistert. Mit Lilium verfolgt der Gründer und Vorstandschef einen Traum und überzeugt gar die Crème de la Crème der Investoren. Mit dem bevorstehenden Börsengang kommen neue Herausforderungen auf ihn zu. Nun ist es vorbei mit Geheimnistuerei. Mehr Transparenz ist gefordert. Das Jet-Projekt selbst ist schon ambitioniert, der Geschäftsplan aber verspricht atemberaubendes Wachstum und Verwöhn-Renditen.

5. Mai 2021

Wochen der Genugtuung liegen hinter Daniel Wiegand. Selten hat der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Lilium so viel Bestätigung für das ehrgeizige Projekt eines senkrecht startenden, elektrisch angetriebenen und flinken Kleinflugzeuges erhalten: neue Investoren aus der ersten Weltliga, Börsengang bis Ende Juni und weitere Abflugbasen, von denen der Jet 2025 starten soll.

Eine neue Phase beginnt für den 36 Jahre alten Ingenieur der Raumfahrttechnik an der TU München, der 2015 mit drei Freunden ein Projekt der neuen Dimension in der Elektromobilität gegründet hat. Futuristisch mutet der entwickelte Jet mit seinen 36 kleinen und drehbaren Triebwerken an; so visionär, dass Zweifler vom Fach auftreten. Die stellen die Machbarkeit des Stromers der Lüfte in Frage: den Zeitplan, die große Reichweite, die Gewichtskalkulation, die hohe Geschwindigkeit.

                    Daniel Wiegand                                                                     Foto Rüdiger Köhn

Wiegand steht in der Defensive. Es gibt eine Beweisnot, weil es außer ein paar Tests mit Starts und Landungen, kurzen Flügen über dem Sonderflughafen Oberpfaffenhofen bei München und schicken Bildern im Internet wenig vorzuzeigen gibt. Wiegand sieht das nicht so und ficht das auch nicht an. Zu zuversichtlich, zu selbstbewusst, zu enthusiastisch ist er.

Das sind Gene eines Start-up-Unternehmers. Ruhig, kontrolliert und überzeugend wirkt er; auf der Gratwanderung, nicht zu viele Geheimnisse verraten und doch Vertrauen schaffen zu müssen. Selbst der Vorwurf vereinzelter und gezielter Hetzkampagnen kommt in leisen Tönen rüber. Warum aufregen? Elon Musk habe mit seinem Elektroauto Tesla auch viele Angriffe abwehren müssen.

Der Grat auf dem Weg zu mehr Transparenz und Vertrauen kann schwierig sein. Erst spricht Wiegand davon, dass ein Börsengang als Teil des Geschäftsplans in einigen Jahren ein Thema sei. Mit 400 Millionen Euro Investorengeldern sei Lilium ausreichend finanziert und ist damit seit 2020 ein Einhorn, wie junge Unternehmen mit mehr als 1 Milliarde Dollar Wert genannt werden. Nur wenige Monate später gilt das nicht mehr, wird der Einzug in die New Yorker Börse in den nächsten Wochen verkündet. 

     Aus der Präsentation anlässlich der Ankündigung des Börsengangs               Simulation Lilium

Gelten so kurze Halbwertzeiten auch für andere Aussagen? An die Wand drängen lässt er sich trotzdem nicht; aber er rüstet sich. In Auftrag gegebene Untersuchungen namhafter Experten sollen die Stichhaltigkeit des technischen Konzepts unterstreichen. Er sucht den Dialog mit Kritikern. Doch Einladungen bleiben unbeantwortet, etwa von Mirko Hornung; als Experte für Luftfahrt und Professor an der TU München eine Kapazität, die viele innovative Studentenprojekte fördert, nur damals nicht die an ihn herangetragene Idee des Liliums.

Flugtests und Kooperationen sollen überzeugen

"Die Transparenz und damit die Stichhaltigkeit des Projektes wird sich zwangsläufig ergeben, wenn wir die Flugtests, weitere Vereinbarungen über die Errichtung von Hub-Netzwerken sowie strategische Partner präsentieren", sagte Wiegand einmal (siehe "Lilium: Mehr als nur ein Flugtaxi" vom 18. Februar 2021). Wenn nicht das fliegende Objekt begutachtet werden kann, sollen gewonnene Partner herhalten. Die würden bei Vorbehalten ja schließlich nicht mitmachen, sollte man meinen.

Der Vorstandschef verweist auf Verträge mit Zulieferern von Teilen für den Jet, der auf dem Flughafengelände in Oberpfaffenhofen in einer entstehenden Halle mit 10 000 Quadratmetern gebaut werden soll. Die Ausbildung von Piloten für die Flugtaxis beginnt in Kooperation mit der Lufthansa. Mit den Flughäfen München und Nürnberg kommen nun zwei weitere wichtige Knotenpunkte für einen Netzbetrieb mit regelmäßigem Pendelverkehr hinzu. Ähnliche Abkommen gibt es seit vergangenem September mit den Flughäfen Düsseldorf und Köln und im Ausland mit Orlando in Florida.

     Innenansichten des Sechs-Sitzers                                                                      Simulation Lilium

Das sind wichtige Eckpfeiler für das Zustandekommen eines derartigen Projektes. Lilium will die Jets nicht nur bauen und verkaufen, sondern auch die Drehkreuze sowie die Flotte betreiben. Ähnlich wie ein ICE soll sie regelmäßig Ziele wie kleinere Städte oder Regionen anfliegen, wo der ICE eben nicht hält; alles zum Preis eines bezahlbaren Zugtickets. 

Das ist ein komplett anderes Konzept als das von Volocopter - dem anderen, weit fortgeschrittenen deutschen Flugtaxi-Konzept nach dem eVTOL-Prinzip (electrical Vertical Take-off and Landing). Wie ein Hubschrauber soll er abheben und vorangetrieben werden. Statt nach Fahrplan wird er wie ein Taxi im Kundenauftrag fliegen.

Investoren und Aktionäre als Rückgrat

Die Investoren - bald auch Aktionäre - von Lilium sind für Wiegand ein starkes Rückgrat. Ende März kam die Crème da la Crème der Geldgeber hinzu; Fonds von Blackrock oder der Allianz-Gesellschaft Pimco, das spanische Bauunternehmen Ferrovial sowie Softwareanbieter Palantir. Der britische Tesla-Investor Baillie Gifford ist seit 2020 dabei, noch länger der chinesische Internetkonzern Tencent, Atomico des Skype-Gründers Niklas Zennström und seit Anbeginn Freigeist des deutschen Investors Frank Thelen.

Der Börsengang soll Lilium insgesamt 830 Millionen Dollar einbringen; plötzlich ist sie mit 3,3 Milliarden Dollar dreimal so viel wert wie vor nicht einmal einem Jahr. Das ist ein Ritterschlag. Aber auch eine neue Herausforderung: Mit dem Going Public ist der Zwang für den Unternehemnsgründer zur Transparenz noch größer. Bisher war es ein exklusiver Klub von hochkarätigen Investoren, denen hinter verschlossenen Türen technische Details des Jets sowie Einzelheiten der Geschäftspläne stichhaltig präsentiert werden konnten. An der Börse gehandelt, müssen alle Aktionäre die gleichen Informationen erhalten. Beginnt also einen Ära der Offenheit? 

Einen ersten wichtigen Schritt haben Wiegand und sein Team Ende März getan. In der Präsentation hat Lilium detaillierte Planzahlen über die Geschäftsentwicklung  bis zum Jahr 2027 sowie Kalkulationen für den Kauf eines Jets genannt:

Nach dem kommerziellen, zaghaften Start im Jahr 2024 soll es in den folgenden drei Jahren steil bergauf gehen - im Umsatz von 246 Millionen auf 5,867 Milliarden Dollar wie im operativen Gewinn; dem Ebitda; das für Analysten relevante Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Sach- und Firmenwertabschreibungen. Die Umsatzrendite erreicht 2027 atemberaubende 25 Prozent. Die Zuversicht muss grenzenlos sein, dass bis auf die dritte Stelle hinter dem Komma der Umsatz in den nächsten fünf bis sieben Jahren festgeschrieben wird.  

Daniel Wiegand muss sich seiner Sache sehr sicher sein. Den gleichen Kurs hat übrigens auch Joby eingeschlagen. Das amerikanische Start-Up hat ebenso ein eVTOL entwickelt und hat im März den Gang an die Börse gewagt. Zu jener Zeit hat sie schon wesentlich mehr der Öffentlichkeit mit längeren Flügen vorstellen können, als es Lilium bislang getan hat.

Für Wiegand jedenfalls erfüllt sich gerade ein Traum. Schon als Kind schwärmte er vom Fliegen. Mit 14 Jahren machte er seinen Segelflugschein, lange bevor er Auto fahren konnte. Mit 19 Jahren gewann er den Innovationswettbewerb "Jugend forscht" mit dem Modell eines aerodynamischen Flügels. An der TU München studierte er Raumfahrttechnik mit Schwerpunkt Flugantriebssysteme. Dort traf er Sebastian Born (Maschinenbau), Patrick Nathen (Aerodynamik) und Matthias Meiner (Mechatronik und Robotik). Sie heckten das Projekt eines umweltfreundlichen "eVTOL" aus.

     Das Geschäftsmodell

Wiegand hat als Unternehmenschef die Rolle des Strategen wie des Außenministers übernommen. Er kann eben gut mit Gesprächspartnern und entfaltet diplomatische Fähigkeiten. Ende März überraschte er mit der Nachricht, statt eines Jets mit fünf Sitzen (vier Passagiere und ein Pilot) einen Siebensitzer auf den Markt zu bringen, der von 2024 an kommerziell fliegen soll. 

Der wurde parallel in den vergangenen fünf Jahren entwickelt; und niemand hat es gemerkt. Statt der einst geplanten Reisegeschwindigkeit von 300 Kilometer in der Stunde soll die größere Version 282 Kilometer schnell fliegen, mit einer Reichweite von nun 250 statt 300 Kilometer. Diese neue Ambition ist Ausdruck einer gehörigen Portion von Selbstsicherheit. Sie erhöht aber auch enorm den Druck, Leistungsnachweise zu liefern. Bisher sind die Kritiker still geblieben. Gut für Daniel Wiegand und seine Kompagnons, die müssen sich auf ein noch härteres Arbeitspensum konzentrieren. Denn der Countdown läuft.

     Kalkulation über den Einsatz des Lilium-Jets


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