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14 Apr
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Hubschrauber- und Flugzeug-Piloten fliegen in ihren Maschinen zusammen mit autonomen Drohnen in einem Schwarm. Bemannte und Unbemannte arbeiten im Team zusammen, entscheiden gemeinsam mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz, was zu machen ist. Klingt utopisch? Seit vielen Jahren arbeitet die Rüstungsindustrie an dieser Technologie, um schnell und effektiv Einsätze - im Fachjargon „Missionen" genannt - zu erfüllen. Fabian Schmitt und Yannick Brand haben das Start-up HAT.tec als Ausgründung der Universität der Bundeswehr München aufgebaut und eine plattformunabhängige Software für das Manned-Unmanned-Teaming geschaffen. Nach sieben Jahren skalieren und kommerzialisieren sie seit 2025 ihr Produkt - und erwarten schon bald einen Auftragsbestand von sage und schreibe 100 Millionen Euro. Nicht für Militärs ist ihre Technologie interessant, auch für Polizei, Feuerwehr oder die Bergwacht.

München, 14. April 2026 - Von Rüdiger Köhn

Eigentlich hätten Fabian Schmitt und Yannick Brand, langjährige Mitarbeiter an der Universität der Bundeswehr München, den ersten kommerziellen Großauftrag von der Bundeswehr erwartet. Stattdessen ist die Hubschrauber-Staffel einer Landespolizei 2024 der „Launching Customer“ gewesen - der erste richtig zahlende Kunde. War für die beiden Luft- und Raumfahrtingenieure und Gründer von HAT.tec schon eine echte Überraschung.

Bei dem Erstauftrag handelt es sich um ein „Missionssystem“, das futuristisch anmuten mag, in der Verteidigung und Sicherheit in den nächsten Jahren jedoch konkret an Bedeutung gewinnen wird. Polizeihubschrauber werden von unbemannten Drohnen begleitet. Mit Kameras, Infrarot und Sensorik ausgestattet, suchen diese zusammen mit den Piloten des Hubschraubers vermisste oder flüchtige Personen, beobachten von oben Brände oder unterstützen bei Rettungseinsätzen. Pilot und Drohnen sind vernetzt, kommunizieren und interagieren direkt miteinander, sind zugleich mit der Einsatzführung am Boden verbunden. Gemeinsam treffen sie so die notwendigen Entscheidungen, schnell und effektiv.

Konkretes Projekt für die Bergrettung

„Für uns war das Jahr 2024 eine Zäsur, weil da unser Produkt angefangen hat, zu leben“, sagt Yannick Brand, 37, der mit Fabian Schmitt, 39, im Jahr 2018 die HAT.tec in Neubiberg gegründet hat, direkt neben dem Campus der Universität der Bundeswehr südlich von München. Seitdem sind etliche Kunden hinzugekommen, die vor allem staatlich sind und aus dem Verteidigungs- sowie Sicherheitsbereich stammen. Ihre Technologie für eine eng vernetzte Kollaboration von bemannten und unbemannten Systemen ist auch für zivile Einsätze hoch interessant; nicht nur bei der Landespolizei, sondern etwa auch für Feuerwehren bei der Brandbekämpfung oder in der Bergrettung, wo sie gerade mit bayerischen Bergwachten konkret ein Projekt entwickeln.

         Yannick Brand (links) und Fabian Schmitt                                                          Foto Rüdiger Köhn


Der Name HAT.tec ist Programm: Human Autonomy Teaming Technology. Yannick Brand und Fabian Schmitt haben mit ihrer Ausgründung der Uni BW eine plattformunabhängige Software entwickelt, die Daten für Sicherheits- und Verteidigungskräfte sammelt, mit Künstlicher Intelligenz aufbereitet und perfektioniert, die Entscheidungen trifft und Maßnahmen ergreift. MUM-Teaming (Manned-unmanned-Teaming) heißt es im Fachjargon, wenn Bemannte und Unbemannte miteinander kommunizieren und gemeinsam bestimmen. Wie Schmitt sagt: „Sie sprechen eine gemeinsame Sprache.“

Hinter dem Konzept steht die Idee, Fähigkeiten des „Human Factors“ Mensch mit denen autonomer Systeme und KI-Algorithmen zu verbinden. „Die Herausforderung ist, die KI mit dem Menschen zusammenzubringen“, sagt Yannick Brand. „Es geht um die Ergänzung, nicht um Ersatz; um Software-Lösungen, die den Menschen in einer extremen Situation unterstützen.“ Der Aktionsradius einer bemannten Plattform werde deutlich erweitert: Ein Pilot wird in die Lage versetzt, neben seiner anspruchsvollen Tätigkeit auch umbemannte Plattformen wie Drohnen-Schwärme zu bedienen, die etwa bei der Suche nach einer sicheren Landezone helfen.

Unabhängige Software - so wie Apple Car Play

Die Software ist in allen Typen von Flugzeugen, Hubschrauber und Drohnen in der Luft, von (Militär-) Fahrzeugen zu Land und von Schiffen zu Wasser anwendbar. Fabian Schmitt vergleicht das System mit Apple Car Play, das eine komplette Vernetzung unabhängig von Fahrzeugtyp und Marke anbietet. HAT.tec baue für militärische wie zivile Missionen ein modulares Ökosystem auf, in dem wie in einem App Store die Anwendungen je nach definierter Missionsaufgabe ausgewählt und eingesetzt werden können. „Mit unserer Software auf den fliegenden, fahrenden und schwimmenden Plattformen schaffen wir operationellen Mehrwert“, erläutert er.

Das System bedeutet eine Reihe von Disruptionen in der Welt der Rüstungs- und Sicherheitstechnik. Der Mehrwert entsteht einerseits durch die Trennung von Hardware und Software. Letztere kann immer wieder auf den neuesten Stand gebracht werden, ohne etwas an der Hardware ändern zu müssen. Es entsteht zweitens enge Konnektivität zwischen Mensch und Maschine unter Einsatz von KI, in der der Mensch immer noch die Entscheidungshoheit behält. Drittens kommt als wichtigstes Element die Missionsfähigkeit ins Spiel, nämlich die Umsetzung eines ganz bestimmten Einsatzzieles, was erst durch die Trennung von Hardware und Software möglich werde. Schließlich ist viertens ein unabhängiges Betriebssystem aufgebaut worden, das die flexible und modulare Anwendung auf allen Ebenen ermöglicht. Damit muss nicht für jeden neuen Kunden spezifisch ein Produkt entwickelt werden. Und fünftens kommt als angenehmes Beiwerk hinzu, dass selbst in die Jahre gekommene Altgeräte wieder ertüchtigt und auf den neuesten stand gebracht werden könen.

Das ist keine Vision. Seit Jahrzehnten forscht die Rüstungsindustrie an der Mensch-und-Maschine-Kollaboration. Die Kriege in der Ukraine und nun im Iran/Mittleren Osten haben wie keine anderen militärischen Konflikte die Bedeutung von Drohnen-Einsätzen als Massen-Kriegswaffe in den Vordergrund gestellt. Von bemannter und unbemannter Zusammenarbeit ist bislang jedoch nicht die Rede. Noch nicht.

Kleine Box, ganz groß: Der mit Elix Systems gebaute Missionscomputer ist das Herzstück der Software, die im Flugzeug installiert wird .                                                             Foto Rüdiger Köhn 


Ende März informierte der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall über eine strategische Partnerschaft mit der australischen Tochtergesellschaft des amerikanischen Luftfahrtkonzerns Boeing bei der Entwicklung eines kollaborativen  Systems (Pressemitteilung unter https://www.rheinmetall.com/Rheinmetall%20Group/Presse/News/Documents/2026/03/2026-03-31-Rheinmetall-und-Boeing-vereinbaren-Partnerschaft-zur-MQ-28-Ghost-Bat.pdf). „MQ-28 Ghost Bat“, so der Name der Drohne, solle bis 2029 als ausgereifte Lösung eines Collaborative Combat Aircraft (CCA) der Bundeswehr angeboten werden. Gemeinsam mit bemannten Flugzeugen soll der unbemannte „Geist“ laut Rheinmetall „Aufklärung, elektronische Kampfführung und die Integration von Waffensystemen“ ermöglichen. Für den deutschen Markt - sprich: für die Luftwaffe der Bundeswehr - wollen die Düsseldorfer als Systemmanager auftreten, der die Integration der Führungs- und Waffensysteme sowie die Anpassung an die nationalen Anforderungen überwacht.

Das Start-up aus Neubiberg ist in diesem Vorhaben nicht involviert. Es zeigt aber, wie konkret MUM-Teaming weltweit geworden ist. Das Besondere an HAT.tec: Es handelt sich um ein allumfassendes System zu Luft, Land und Wasser. Strategische Partnerschaften sind mit nahezu allen Herstellern und Anwendern möglich. Unbekannt sind die Münchener längst nicht mehr; bei Airbus Defence an Space, bei Airbus Helicopters, bei Rheinmetall oder bei vielen anderen etablierten Unternehmen aus der Rüstungsindustrie. So sind sie in das FCAS-Projekt einbezogen, dem geplanten deutsch-französischen Kampfjet von Airbus und Dassault, der allerdings wegen des Dominanzstrebens des französischen Partner Dassault vor dem Aus zu stehen droht.

Zusammenarbeiten gibt es ebenso mit vielen Start-ups, so auch mit Quantum Systems, einem Entwickler und Hersteller autonomer Drohnen, der besonders im Zusammenhang mit Militärdrohnen-Lieferungen in die Ukraine bekannt geworden ist. Florian Seibel, Gründer und CEO von Quantum Systems, sowie Schmitt und Brand kenne sich aus Zeiten an der Uni BW, wo Seibel studiert und am selben Institut gearbeitet hat. Quantum bietet MUM-Teaming-Lösungen für seine Drohnen-Systeme an.

                         Der Prüfstand                                                                 Foto Rüdiger Köhn


Vor zehn Jahren mag MUM-Teaming ein Nischenthema gewesen sein“, sagt Yannick Brand. „Mittlerweile gilt das aber schon als Basis-Anforderung, wenn es um Einsätze bemannter und unbemannter Systeme geht.“ Unbemannte Systeme würden in der Zukunft nicht mehr nur allein agieren. „Aus der militärischen Perspektive wird der eigentliche Wert in der Kombination von Bemannt und Unbemannt zu sehen sein; dies um so mehr, weil Drohnensysteme nicht alle militärischen und zivilen Fähigkeiten erfüllen können, wenn wir zum Beispiel an Transporte denken.“  Europäische Projekte - nicht allein FCAS, sondern auch dessen Pendant Tampest der Briten und Italiener - seien alle darauf ausgelegt, bemannte Plattformen in der Tiefe des Raumes durch Schwärme unbemannter Systeme zu unterstützen.

Bald 100 Milliionen Euro im Auftragsbestand

Die Bundeswehr ist der wichtigste Türöffner, da sie mit allen Herstellern der Branche im Gespräch ist. Mehr als zehn Kunden hat HAT.tec aktuell. Die Anzahl ist wenig aussagekräftig, da es nun einmal nicht so viele staatliche Auftraggeber aus der Verteidigung mit hoheitlichen Aufgaben  gibt. Ein paar kommen aus dem zivilen Bereich, auch aus dem europäischen Ausland, darunter Polizei-Staffeln. Schmitt erwartet für dieses Jahr einen Umsatz in niedriger zweistelliger Millionenhöhe. Welche Fortschritte das Start-up seit dem Erstauftrag 2024 tatsächlich gemacht hat, zeigt sich im Auftragsbestand: Man stehe kurz davor, die Marke von 100 Millionen Euro zu nehmen.

Ungeachtet des Auftrags der Landespolizei ist die Bundeswehr größter Kunde. Sie hat einst mit einem dreijährigen Entwicklungsauftrag im Jahr 2018 den Start ermöglicht. Die Finanzierung des Aufbaus erfolgte so aus eigenen Mitteln, ohne fremde Geldgeber (Bootstrapping). Die Einnahmen aus dem ersten Großauftrag vor zwei Jahren finanzierten den weiteren Auf- und Ausbau. Neue Aufträge folgten. Die zweite Phase für HAT.tec begann. „Zwischen 2024 und 2025 sind wir produktfähig geworden“, sagt Schmitt. „Wir sind so aufgestellt, dass wir skalieren können.“ Und: „Jetzt wird es ernst“, kündigt Schmitt den Beginn der dritten Phase und den Einstieg in die Kommerzialisierung an. „Wir haben ein immer stärker werdendes, ausgereiftes Produkt, insofern sehen wir da für uns gute Perspektiven.“ Die Nachfrage aus dem Ausland habe 2025 mit dem Beginn der Internationalisierung und mit dem erweiterten Angebot von der Luft auf die „Domänen“ Wasser sowie Land zugenommen.

                         Ein Schwarm-Modell                                                       Simmulation HAT.tec


Kennengelernt haben sich Fabian Schmitt und Yannick Brand am Institut für Flugsysteme (IFS) der Uni BW München im Jahr 2012, als sie zusammen am Teaming für einen Hubschrauber arbeiteten. Schmitt war schon als Sechsjähriger fasziniert von den Marinehubschraubern Lynx, die er im Urlaub in den Niederlanden immer wieder bewundert hatte - und der heute noch fliegt. Früh entwickelte er ein Faible für Technologie und Sicherheit, ging zur Bundeswehr und wollte Fallschirmjäger werden. Er studierte im Aerospace-Cluster der TU Braunschweig Luft- und Raumfahrttechnik, ging 2009 fast zwei Jahre an die Purdue University in die USA, der Universität für Aerospace schlechthin. Im Jahr 2012 wechselte er nach Studiumabschluss zur Universität der Bundeswehr nach Neubiberg, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am IFS von Professor Axel Schulte arbeitete, der sich bereits lange mit der Kollaboration von Mensch und Maschine befasst hat. Schmitt forschte, wie man KI und Menschen im Cockpit zusammen bringen kann.

Nicht minder begeistert von Technologien ist auch Yannick Brand, der begann aber mit einem Umweg. Nach dem Abi 2008 ist er als Offiziersanwärter bei der Bundeswehr eingetreten, weil er Hubschrauber-Pilot werden wollte. 2009 ging er zur Uni BW in München, um Luft- und Raumfahrttechnik zu studieren. Dort kam er in Kontakt mit dem IFS und fand Gefallen an der Interaktion von Mensch und Maschine. „Da war es für mich naheliegend, den Pilotenhelm an den Nagel zu hängen und auf die technologischen Aspekte zu fokussieren.“ Das war Ende 2012. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitete zugleich an der Promotion, wie Schmitt.

Forschungerfolge nicht im Archiv vergraben

„2016 wurde uns klar, dass das nur ein Zwischenschritt sein kann“, sagt Brand. Beiden reichte es nicht, Forschungs- und Entwicklungsberichte zu verfassen, die womöglich im Schrank landen. „Unser Ziel wurde, solche komplexen Fähigkeiten als Software-Produkt zu entwickeln und der Bundeswehr bereitzustellen.“  Positives Feedback für ihre Idee erhielten sie 2018 auf der Internationalen Luftfahrtausstellung in Berlin (ILA). „Da haben wir gesehen, dass es einen Nährboden gibt und haben die Produktentwicklung gestartet“, sagt Brand.

In den ersten vier Jahren nach Gründung ging es darum, ihre entwickelte Software im Flugumfeld komplett digitalisiert in Computer-Plattformen, Avionik sowie Kommunikationsinfrastrukturen zu integrieren. Im Sommer 2021 waren sie in ein konkretes Militär-Manöver eingebunden. In der Übung Timber-Express in Schleswig-Holstein wurde ihr System mit fünf Datennetzwerken um einen Hubschrauber herum in realer Umgebung am Boden und in der Luft getestet. Es klappte. „Das war der Durchbruch, wir waren technologisch soweit, dass wir operativ einen Mehrwert stiften konnten und alles im militärischen Umfeld funktionierte“, erinnert sich Brand.

                         Fabian Schmitt im Simulator                                            Foto Rüdiger Köhn


In der jetzt begonnenen Phase Drei denken die Gründer an Expansion und Skalierung. Die Zeit des Bootstrappings ist vorbei. Im April 2025 haben sie einen Finanzinvestor an Bord genommen: Minna Invest, ein Family Office aus Hamburg. Es gibt nicht viele Informationen, halten sich Schmitt und Brand mit Aussagen zurück. Hinter Minna Invest steckt die Hamburger Döhle Group mit der Reederei Peter Döhle, die mehr als 2000 Mitarbeiter beschäftigt, über 500 Schiffe (darunter 300 Containerschiffen) mit mehr als 3000 Beschäftgiten zur See betreibt. Das Engagement kann Möglichkeiten in der zivilen Anwendung und in den Domänen See- und Landverkehr eröffnen.

„Mensch und Maschine muss nicht heißen, dass der Mensch jedes Detail entscheidet; beide können es mit unserem System gleichermaßen tun, wobei der Dialog zwischen ihnen dynamisch ist, es keine fixe Aufgabenteilung mehr gibt“, sagt Fabian Schmitt. Es hänge am Ende von der Situation ab, wie die Arbeitsteilung aussehe. „Damit kann sich der Mensch auf die wirklich wichtigen und kritischen Entscheidungen konzentrieren.“ KI werde Unsicherheiten nicht eliminieren, aber reduzieren können, betont er. Wichtiger: KI ersetze nicht die Entscheidung eines Menschen, sondern werde diese stärken. Am Ende geht es um Schnelligkeit und um richtiges Handeln, um einem Feind zuvor zu kommen; sei es im militärischen, sei es bei der Bekämpfung eines Feuers, sei bei der rechtzeitigen Rettung am Berg.

https://www.hattec.de/

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