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23 Oct
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Drohnen im Linienverkehr. Warum soll in der unbemannten Luftfahrt nicht funktionieren, was es in der bemannten gibt? Die Vision hat Norman Koerschulte gehabt und 2024 Morpheus Logistik gegründet. Der einstige Luftfahrt-Manager und Familienunternehmer baut den regelmäßigen Betrieb einer Senkrechtstarter-Flotte mit Flugplan auf, um für den Transport eiliger Güter dem Verkehrschaos am Boden zu entgehen; für Kliniken, Labore oder für die Industrie. Die Drohnen sind zugekauft, und sie bewegen sich nicht autonom. Sie werden vom Boden aus der Leitzentrale von professionellen Piloten mit Flugerfahrung gesteuert. Daher hat Morpheus den Flugbetrieb über besiedelten Gebieten wie Lüdenscheid und Dortmund genehmigt bekommen. Es soll  ein europäisches Netzwerk von Drohnen-Strecken entstehen. Es gibt noch mehr Einsatzmöglichkeiten, die Koerschulte erschließen könnte: die Kontrolle sensibler Infrastruktur zum Beispiel. 

München, 23. Oktober 2026 - Von Rüdiger Köhn

Im Dortmunder Operation Center sitzen der Pilot und sein Co-Pilot nicht im Cockpit, sondern vor einer Wand von Bildschirmen. Sie steuern bis zu fünf Drohnen gleichzeitig. Es sind Piloten mit Flugerfahrung - und nun zertifizierte Drohnen-Piloten, die die unbemannten Flugobjekte mit ihrer Fracht im Auftrag von Kunden im regelmäßigen Turnus von A nach B transportieren; in diesem konkreten Fall in Lüdenscheid und Dortmund.

„Multi-Crew-Operation“ nennt das Norman Koerschulte. Eine Crew steuert vom Leitstand elektrisch angetriebene senkrecht startende und landende Drohnen (eVTOL - electric Vertical Take off and Landing). „Das nenne ich Automatisierung“, lacht der 45 Jahre alte Wirtschaftsingenieur und Gründer der Dortmunder Morpheus Logistik. „Man benötigt drei Piloten weniger, ist damit sehr effektiv unterwegs, spart Zeit und löst Transportprobleme von Unternehmen, Krankenhäusern und Laboren, die sich sonst mit eiligen Transporten am Boden durch den Stau kämpfen müssen.“

Eine Drohnen-Airline baut Unternehmer Koerschulte seit 2024 auf,. Er fühlt sich der Luftfahrt eng verbunden, war er doch einst Manager bei der früheren Fluggesellschaft Germanwings, bevor er in dem Betrieb seines Vater, der Lüdenscheider Karl Koerschulte GmbH, eingestiegen ist. „Wir stellen für unsere Kunden einen Flugplan auf, entwickeln und organisieren einen Regelflugbetrieb zu bestimmten Zeiten, bei Bedarf im halbstündlichen oder stündlichen Rhythmus.“ Seine Idee: das System der bemannten Luftfahrt in die unbemannte Drohnen-Welt zu übertragen. „Unser Anspruch lautet, eine Airline für unsere Kunden mit standardisierten Routen zu sein."

                         Norman Koerschulte                   Fotos: Morpheus Logistik/Titel: insel-sylt.de/S.Klick

Dazu gehören Kliniken, Labore sowie andere medizinische Einrichtungen, die Blut- oder Gewebeproben transportieren müssen. Ebenso geht es um zeitkritische Industrie-Logistik für Produktionsbetriebe wie Autozulieferer, die Just-in-Time fertigen und ein nicht auf Lager befindliches Ersatzteil dringend benötigen, um die Produktion aufrecht zu erhalten. Der Drohnen-Einsatz im Linienverkehr kann auch für Speditionen interessant sein, die eiligst sonst im Transporter beförderte Güter zum Adressaten bringen. Da handelt es sich nicht um Maschinen oder großes Gerät, zumeist eher um Schrauben oder Hydraulik-Schläuche, also kleinere Teile. Potentielle Einsatzmöglichkeiten reichen bis in die Beobachtung von Notfallsituationen aus der Luft oder Kontrolle und Überwachung kritischer Infrastruktur.

„Drohnen werden weltweit zu einem Instrument, um Leben zu retten, Versorgungslücken zu schließen und Infrastruktur neu zu denken“, sagt der Morpheus-Gründer und Wirtschaftsingenieur. Sein Ziel ist es, „europaweit ein skalierbares Drohnen-Logistiknetzwerk auf höchstem regulatorischem Niveau“ aufzubauen. Dahinter steht die Vision - oder besser: Mission -, Logistik durch Automatisierung, intelligente Technologien und auch autonome Systeme so zu konzipieren, dass Lieferketten effizient, resilient und unabhängiger von klassischen Verkehrswegen werden. „Drones for Good“ - Drohnen für Güter - lautet sein Leitgedanke. Das umfasst ein Paket von ferngesteuertem Transport in der Luft über das Flottenmanagement bis zur Wartung.

Exot unter den 350 Drohnen-Start-ups

Schätzungsweise 350 Drohnen-Start-ups gibt es in  Deutschland. Nahezu alle beschäftigen sich mit der Hardware und Software gleichermaßen, die meisten bauen die Drohnen und entwickeln Geschäftsmodelle für deren Betrieb. Nicht so Morpheus Logistik. Es kauft die Drohnen bei Herstellern ein, derzeit besteht die im Aufbau befindliche Flotte aus 12 Fluggeräten zum Stückpreis zwischen 16.000 und 23.000 Euro. Die können so groß sein wie ein Kleinwagen, haben nichts mit den Ausmaßen einer allseits bekannten auch privat genutzten Mini-Drohne zu tun. Die Drohnen fliegen nicht selbständig, womit das Logistik-Start-up einen anderen, wenn auch regulatorisch nicht minder strikten Ansatz verfolgt. Die Fluggeräte werden grundsätzlich vom Pilotenteam am Boden gesteuert, wärhend die meisten Neugründungen das Prinzip des autonomen Fliegens verfolgen.

      Das Operation Center in Dortmund: zwei Piloten lenken fünf Drohnen gleichzeitig

Autonomisierung von Robotik am Boden sei ohne weiteres machbar; aber in der Luft habe das eine ganz andere Dimension und Tragweite. „Deswegen können wir hier nicht über Vollautonomisierung sprechen“, ist der Luftfahrt-Experte überzeugt, „sondern allenfalls über Vollautomatisierung.“ Und dafür seien nun einmal qualifizierte Mitarbeiter und geschultes Personal im „Ground Handling“ vonnöten. Mehr als 30 Mitarbeiter sind derzeit beschäftigt, Tendenz im hochlaufenden Ausbaus stark steigend.

„Wir brauchen immer einen Operator, um die Drohnen zu fliegen“, sagt Koerschulte, egal ob über Stadt oder über Land. Das sind die strengen Auflagen eines regulatorischen Genehmigungsdschungels durch die Luftfahrtbehörden, egal ob in Europa (EASA) oder in Deutschland (Luftfahrtbundesamt). Daher haben Piloten nicht nur ihren Flugschein und die Flugpraxis, sie werden eigens für den Drohnenbetrieb zertifiziert.

Ein „komplexes Gebilde der Genehmigungslage“, sagt der Gründer. Ob Klinik, Labor oder Industrieunternehmen, diese könnten sich so etwas nicht aufhalsen und den Betrieb einer eigenen Drohnenflotte aufbauen, so notwendig, sinnvoll, technologisch interessant und wirtschaftlich vorteilhaft sie deren Einsatz auch bewerten. „Genau da gehen wir rein und bieten das als Airline an.“

Flugpläne mit festgelegten Strecken

„Drone-as-a-Service“ nennt er das. Dazu gehört nicht nur der Betrieb festgelegter Strecken sowie Flugpläne, sondern auch ein Rund-um-Paket, zu dem etwa zwei Drohnen zur Verfügung gestellt werden; in Notfallsituationen können zusätzliche geordert werden. Exklusive „Nester“ werden bei Kunden wie Krankenhäuser, Labore oder Speditionen und Logistikunternehmen errichtet, sollte es keine geeignete Infrastruktur geben: Landeplätze, Drohnen-Garagen, Laden der Batterien, automatische Be- und Entladung. Zu den aktuellen Kunden gehören Laborketten wie Eurofins und Laborunion.

Gerade erst wurde etwas Neues ausprobiert: Im September testete Morpheus Logistik, vom Operation Center in Dortmund aus gesteuert, eine Verbindung zwischen dem Festland und der Insel Sylt, wobei vier unbemannte Fluggeräte vom schleswig-holsteinischen Leck hinüber zum Flughafen Sylt und wieder zurück geflogen sind. Denkbar ist später einmal ein Dauerbetrieb zwischen Festland und Insel etwa zur medizinischen Versorgung und mit Transporten von Laborproben. Sylt ist über den Bahndamm oder per Schiff zu erreichen - oder in Notfallsituationen per Helikopter beziehungsweise Flugzeug.

     Eine von derzeit 12 Drohnen in der aktuellen Flotte

Die derzeit bestehende Flotte besteht bei Morpheus aus zwei Grundtypen, die im nächsten Schritt auf vier verschiedene erweitert wird. Die kleinere Version kann bis 10 Kilogramm Nutzlast aufnehmen und bei maximaler Beladung bis zu 15 Kilometer weit fliegen. Die größere wiegt unbeladen 15 Kilogramm und kann bis zu 25 Kilogramm Nutzlast befördern, bei einer Reichweite von maximal 100 Kilometer. Sinnvoll sei es natürlich, über besiedelten Gebieten kleinere Drohnen von bis zu einem Meter Spannbreite zu nutzen. Angesichts der geringen Nutzlasten etwa bei Labortransporten stelle das kein Problem dar.

Nun kommen Orca-Drohnen des Münchner Herstellers Phoenix Wings hinzu, die „prädestiniert“ für Logistik-Aufgaben sind. Die Zuladung beträgt 15 Kilogramm, der mit Tragflächen ausgestattete Senkrechtstarter hat ein Laderaum-Volumen von 190 Liter, womit größere Fracht transportiert werden kann. Auch die Cargo-Drohne des Südtiroler Unternehmens FlyingBasket steht auf der Kaufliste. Der Quadrocopter in der kleinen Version kann bis zu 100 Kilogramm tragen und kostet mindestens 45.000 Euro, wobei die Lasten am Seil transportiert werden, daher etwa im Wald, auf See oder in Windparks eingesetzt werden kann.

„Ein Mal Luftfahrt, immer Luftfahrt“ - selbst nachdem, Norman Koerschulte 2011 als Geschäftsführer in das Unternehmen seines Vaters eingetreten war, holte ihn die berufliche Vergangenheit als Luftfahrtmanager ein. Denn in der täglichen Arbeit des mittelständischen Familienunternehmens Karl Koerschulte GmbH, einem Metallwarenhändler für Werkzeuge und technische Artikel, wurde er immer wieder mit den Problemen der Logistik am Boden konfrontiert. Er überlegte, wie ein Transport-Konzept der Zukunft aussehen könnte. Da zu den Kunden auch Drohnenhersteller gehörten, hat er sich einmal über den Stand der unbemannten Luftfahrt vor Ort informiert. Das war 2018. Als dann noch Ende 2021 die gesperrte und neugebaute Talbrücke Rahmede in Lüdenscheid zum jahrelangen Verkehrsinfarkt geführt hatte, wurde das Thema noch dringlicher.

Jungfernflug im November 2021

Koerschulte tüftelte an einer skalierbaren Drohnen-Logistik. Parallel trat Anfang 2021 in Europa das erste Regelwerk in der unbemannten Luftfahrt in Kraft. Mit seinem Konzept ging er zur Landesluftfahrtbehörde Nordrhein Westfalen. Mit einer 60 Seiten umfassenden Anleitung startete er im November 2021 - mit der Brücken-Sperrung - den Jungfernflug über Lüdenscheid zu einem Koerschulte-Kunden. Strenge Zulassungsverfahren und technische Sicherheitsauflagen mussten überwunden, Gesamtpakete für festgelegte Strecken freigegeben werden.

So entstand zunächst ein kleiner Drohnen-Betrieb innerhalb der Koerschulte-Gruppe, der über der Stadt Lüdenscheid regelmäßig fliegen durfte. Dabei hat geholfen, dass diese nicht die Dimensionen von München, Hamburg oder Berlin hat. Je niedriger die Einwohnerdichte eines Gebietes ist, desto geringer wird das potentielle Bodenrisiko eingestuft, was das Genehmigungsverfahren vereinfacht.
Aus den ersten Erfahrungen bildete sich schließlich die Vision heraus, derlei nicht nur für das eigene Unternehmen zu organisieren, sondern im größeren Stil anderen anzubieten. „Das ist kein Thema von Patenten, Technik, Hardware oder Software“, sagt der Gründer. „Da geht es allein um die Frage, wie man so etwas organisatorisch zum Laufen bringt.“ Es ist nie darum gegangen, selber Drohnen zu entwickeln. Koerschulte kann Start-ups wenig abgewinnen, die selbst gebaute unbemannte Flieger auch selbst zu betreiben. „Airbus operiert ja auch nicht seine eigene Flotte als Airline“, lacht er.

         Test auf dem Flughafen Sylt                                                                      Foto: insel-sylt.de/S. Klick

Im November 2024 gründete er Morpheus Logistik. Bereits im ersten Quartal 2025 wurde der kommerzielle Betrieb aufgenommen. Vieles wurde schon unter dem Dach des  Familienunternehmen vorbereitet, hat Norman Koerschulte mit seinem Vater Burkhard, 66 Jahre, abends in der Freizeit am Modell gefeilt, holte Genehmigungen ein - und Startkapital bei Investoren (Friends and Family) in Höhe eines einstelligen Millionenbetrags. Mehr als ein Jahr haben sie dafür gebraucht.
Der Start-up-Gründer spricht begeistert über seine Geschäftsidee in Umsetzung; und er spricht viel. Geht es jedoch um die Zukunft und weitere Pläne von Morpheus Logistik, wird er schmallippig.

Kurzfristig über hundert Drohnen in der Flotte

Nur so viel: In zwei bis drei Jahren, so kann er sich vorstellen, betreibe Morpheus vielleicht einhundert Drohnen, oder auch mehr. Ziel sei es, ein europäisches Netzwerk aufzubauen. Technisch könne das alles vom Dortmunder Operation Center bewerkstelligt werden. Vorstellbar sei aber, derlei auch an anderen Standorten zu errichten. Jedenfalls wird das weitere Investitionen erfordern. Allein der Ausbau der Drohnen-Flotte kann je nach Größe Drohnen gut und gerne einen mittleren einstelligen Millionenbetrag kosten.

Immer mehr rücken die bisher beiläufig erwähnten Einsatzgebiete von Kontrolle der Infrastruktur, Surveillance und Detection ins Blickfeld. Drohnen, so Einsatzszenarien, erfassen aktuelle Lagebilder aus der Luft und unterstützen mit gewonnenen Echtzeitdaten Einsatzkräfte am Boden. Ein Überwachungsnetz mit Drohnen beobachtet kontinuierlich und flächendeckend große Infrastrukturbereiche. In der Detektion erkennt intelligente Sensorik frühzeitig ungewöhnliche Aktivitäten auch über weitläufigem Gelände. Eine kontinuierliche Echtzeitüberwachung ermöglicht so die schnelle Bewertung potenzieller Gefahren.

Seit dem Aufbau von Morpheus Logistik hat Norman Koerschulte den Fokus auf medizinische und industrielle Logistik gerichtet, auch wenn er im Hinterkopf die anderen Einsatzgebiete für spätere Wachstumsphasen gehabt hat. Aufgrund der aktuellen politischen Lagen könnte nun neue Dynamik entstehen. Risiken für Infrastruktur-Einrichtungen nehmen zu, Öffentlichkeit und Politik empfinden das zunehmend als Bedrohung, einhergehend mit immer lauter werdenden Rufen nach Abwehrmaßnahmen. Vielleicht ist das der Grund, warum der Gründer nicht im Detail und selbst auf Nachfragen über weitere Pläne so gerne reden möchte. „Aus vertrags- und geschäftsrechtlichen Gründen können wir derzeit zu diesen Themen keine näheren Auskünfte erteilen", heißt es nur lapidar.

https://www.morpheus-logistik.de/



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