Teiimo: Die zweite Haut warnt vor Corona


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01 Dec
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Seit 2004 entwickelt Markus StreckerTextilien, die mit Sensoren und Elektronik vollgestopft sind. Angefangen hat es 2004 mit der Snowboard-Jacke von O´Neill mit Bluetooth, MP-3-Player und Tastatur im Ärmel. Heute entwickelt er T-Shirts mit dehnbaren Sensoren und Kabeln, die den Zustand des Körpers messen; sei es die Gesundheit, sei es die sportliche Leistung.

1. Dezember 2020

Als Markus Strecker 2004 die Snowboard-Jacke der Sportmarke O’Neill mit integrierten elektronischen Funktionen wie Freisprechanlage, MP3-Player und einer textilen Tastatur im Ärmel herausbrachte, wusste er schon: Der Einsatz von Elektronik und Bluetooth-Technologie in Kleidung wird einmal ein Thema sein – auch in der Medizin. In Monaten der Corona-Krise soll der Visionär Recht bekommen: Ein Shirt – einer zweiten Haut gleich – erkennt Symptome der Covid-19-Erkrankung. Hoher Puls, leicht erhöhte Körpertemperatur, ungenügende Sauerstoffsättigung, schwere Atmung, Husten, Schweißausbrüche – das sind Alarmsignale, die Risikogruppen wie Ärzte, Kranken-, Altenpfleger, ältere oder vorerkrankte Menschen frühzeitig warnen, um sie sofort behandeln zu können. 

                                                                                                    Markus Strecker Foto Strecker

Streckers im Herbst 2014 gegründetes Start-Up Teiimo arbeitet mit Hochdruck an der Entwicklung des Corona-Hemds. Durch Mini-Mikrofone oder dehnbare Sensoren gesammelte Daten werden über künstliche Intelligenz ausgewertet und per Fernverbindung weitergeleitet. Der 52 Jahre alte Elektrotechniker Strecker hofft, dass er in wenigen Monaten einen Beitrag zum Kampf gegen die Pandemie leisten kann. Das ist nicht mal eben so getan. Die kaum zu spürenden Sensoren und deren Integration in das Textil ist die eine Herausforderung,  Software und Datenanalyse die andere. „Wir arbeiten mit Forschungsinstituten und Krankenhäusern sowie Pflegediensten zusammen“, sagt er zum aktuellen Stand.

Für „iinBo“ (Invisible Bodyguard) muss aber auch noch eine Finanzierung her. Erhoffte Fördergelder der EU gibt es jedenfalls nicht. Ein Crowdfunding soll helfen, das er nun vorbereitet. Strecker benötigt grob geschätzt wohl rund 90000 Euro, um den Marktstart zu ermöglichen. Geld soll von  einer Vielzahl von risikobereiten, privaten Kleininvestoren eingesammelt werden. „Die Unterstützer sind dann auch die Ersten, die das Produkt erhalten werden“, verspricht Strecker. Es gebe bereits eine gute Resonanz von  vielen, denen das System  helfen könne.

Das Modul im Nackenbereich des Shirts sammelt die Daten der Sensoren und übermittelt sie an externe Terminals. Foto Teiimo

Dabei sind Streckers Errungenschaften eigentlich längst ausgereift, haben sie sich  in  vielen Anwendungen bewährt. Teiimo steht für „Technologies in Motion“, die bislang vor allem im Sport zum Einsatz gekommen ist. Das zweite „i“ im Namen? „Das ist das Markenzeichen, damit erkennt man es besser“, lacht er. Einsätze in Sport und Medizin ähneln sich, wie das mit hauchdünnen,  dehnbaren Kabeln, mit Folien-Elektroden und mit Sendern versehene Leibchen zeigt. Es misst mit einem Hochleistungs-Elektrokardiogramm (EKG) Herzaktivitäten, ohne dass der Träger etwas spürt. Dagegen sahen die Gimmicks der Snowboard-Jacke noch klobig aus. 

Mit Streckers heutiger Errungenschaft ist eine Patientenüberwachung oder -verfolgung (Tracking) möglich, die in Zusammenarbeit mit den Universitäten Harvard und Heidelberg entwickelt wurde; gedacht etwa für ältere, hilfsbedürftige Menschen. Es gibt ein Testprojekt zur Überwachung von Demenz-Kranken, die sich sicherer draußen aufhalten können. Schlaganfälle sind zuverlässig und schnell festzustellen. Mit „Active Assisted Living“ umschreibt Strecker die Betreuung von Senioren oder chronisch Kranker, die so eine Chance bekommen, deutlich länger in den eigenen vier Wänden zu leben. Astronauten könnten auf Mond- oder Marsmissionen rundum die Uhr Gesundheitschecks unterzogen und per Ferndiagnose betreut werden, weshalb Strecker auch schon am Start-Up-Inkubator der europäischen Raumfahrtagentur ESA teilnahm.

                                                                                                                                                                                              Foto Teiimo

Die Technologie ist keine Utopie; sie ist real, keine Raketenwissenschaft, wie er sagt.  Ein  kleines graue Elektronikmodul im Nackenbereich des Shirts erfasst die von Sensoren ermittelte Herz- und Schrittfrequenz, Herzratenvariabilität, Körperbalance und Geschwindigkeit der Ausdauersportler und sendet sie zur Analyse an Terminals. „Es gibt so viele Einsatzmöglichkeiten“, sagt Strecker. „Da müssen wir fokussieren und dürfen uns nicht verheddern.“ Priorität hat nun die medizinische Anwendung, weniger der Sport. 

Auf der virtuellen Messe Electronica hat er vor einigen Wochen ein System vorgestellt, dass den Sturz eines Menschen, damit einen Notfall erkennt und eine Notfall-Meldung absetzt. Mehr als drei oder vier Projekte im Jahr setzt er im Auftrag von Unternehmen um. Mehr ist mit dem kleinen Team von zehn Mitarbeitern nicht zu schaffen.  „Die Hauptaufgabe ist die  Integration der Systeme, die  Vernetzung  einer Fülle unterschiedlicher Sensoren und der Datenanalyse.“ Dafür sind Textildesigner und Techniker genauso nötig wie Software-Experten, die Programme und Apps entwerfen. Die Auftraggeber finanzieren die Projekte vor, dabei sichert sich Teiimo das intellektuelle Eigentum der Technik. Strecker will Herr der Lage bleiben.

Einfach nicht zu bremsen

Er ist einfach nicht zu bremsen. Es „kribbelt“, wenn er an Digitalisierung denkt. Das Kind im Manne ist dann nicht zu unterdrücken. Von seiner Lederjacke für Cabrio-, Oldtimer- oder Motorradfahrer hat es nur zehn Exemplare gegeben. Doch mit einem intelligenten Stromverteilersystem, Ladefunktion mit Anschluss im Auto, Bluetooth-Freispechanlage und -Lautsprechern im Kragen sowie Zwei-Zonen-Heizelementen hat er sich in der textilen Elektronik ausgetobt und damit die Optionen für Teiimo erarbeitet. Heizen, Leuchten, Sicherheitselemente oder Solarpanele hat er als Komponenten für Textilien entworfen, für Bogner etwa Heizhandschuhe entwickelt, für Rosner auf Basis der O’Neill-Entwicklung eine Straßenjacke mit integrierten Kopfhörern ausgetüftelt. Allein bis 2007 kamen so 30 Patente auf seine Erfindungen zusammen.

Angefangen hat es mit der Entwicklung eines Halbleiter-Mikrofons. Strecker, der Elektrotechnik an den Universitäten Darmstadt und Lyon studierte, hat sich seit jeher mit Sensoren in der Chiptechnologie befasst, arbeitete beim Autozulieferer Autoliv und bei Motorola, bevor er 2001 zum Halbleiterkonzern Infineon wechselte. Dort entwickelte er Chips für die textile Elektronik und tüftelte an der Bluetooth-Technik, die dann in die O’Neill-MP3-Jacke eingebaut und 3000 mal verkauft wurde. Das gehörte nicht mehr zum Kerngeschäft der damals kriselnden Infineon. Mitte 2005 beteiligte sich Strecker als Technologievorstand an dem Management-Buy-Out „Interactive Wear“. Begeistert von der Kombination Textilien und Elektronik, ging er 2009 zu Adidas, wo er Trikots für Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und für Profi-Vereine entwickelte, die Leistungsdaten  ermittelten.Vier Jahre  später begann er, seine  Idee von Teiimo umzusetzen.

                                                                      Ein vernetztes Shirt für Rettungskräfte FotoTeiimo


„Wir sind ein atypisches Start-Up.“ Keine Investoren, keine Finanzierungsrunden, vielmehr ein Friends-and-Family-Programm, mit dem Gelder eingesammelt worden sind, auch mal eine stille Beteiligung aus Amerika oder schon früher ein Crowd-Funding.Dank der Kundengelder konnte er so seine Ideen realisieren. Dabei bleibt er meist im Hintergrund. 

So im Projekt mit der Deutschen Telekom: Feuerwehrkräfte tragen ein vernetztes T-Shirt, mit dem sie in einem brennenden, verrauchten Gebäude während der Löscharbeiten verfolgt werden können. Die von Sensoren ermittelten Daten werden über Mobilfunk weitergeleitet. Die Telekom-Sparte T-Systems hat daraus ein Geschäftsmodell entwickelt, das für Einsatzkräfte, Bergretter, im Arbeitsschutz, für Wanderer oder  Hobby-Sportler geeignet ist. Von Teiimo ist da keine Rede.

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