Geldrausch für fliegende Stromer


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13 Apr
13Apr

Neue Luftfahrtkonzepte rücken immer mehr in den Fokus von Investoren. Schon im frühen Stadium werden Unternehmen mit steigenden Beträgen unterstützt. Sie investieren in Neugründungen, die sich unter Umständen erst in der Seed-Phase befinden. Besonders aber ziehen "reifere Start-Ups" das Geld an.

13. April 2021

Das ist ein Indiz dafür für die enorme Phantasie für das Geschäft mit Flugtaxis, den elektrisch angetriebenen und senkrechtstartenden Fluggeräten mit der englischen Abkürzung "eVTOL" (electric Vertical Takeoff and Landing).

Allein im ersten Quartal dieses Jahres haben die Unternehmen 4 Milliarden Dollar erhalten. Das ergibt die Studie "Future Air Mobility" der Unternehmensberatung McKinsey. Seit 2010 erreichte das Investitionsvolumen in Start-Ups und neu gegründete Unternehmen 10 Milliarden Dollar. Dabei explodierte geradezu das durchschnittliche Einzelinvestment von rund 20 Millionen Dollar im Jahr 2019 auf nun mehr als 300 Millionen Dollar im ersten Quartal 2021. 

Börsengänge bringen Milliardenschub

Diese starke Dynamik trügt allerdings. Denn sie ist durch wenige Sonderereignisse geprägt. Er sind nicht die zahlreichen kleinen Investments von weniger als 5 Millionen Dollar in Unternehmen der Frühphase, die immerhin 300 der insgesamt erfassten 340 Gründungen ausmachen. Für den Schub sorgen vielmehr die wenigen Unternehmen, die sich im weit fortgeschritten Entwicklungsstadium befinden und mit einer nahenden Marktreife höhere Finanzvolumen für die kommerzielle Startphase benötigen. 


In erster Linie hängt jedoch der Spung im ersten Quartal mit den Börsengängen zweier US-amerikanischer eVTOL-Entwickler zusammen, die über einen Börsenmantel den Zugang zum Aktienmarkt und damit zu frischem Kapital erhalten haben. 

Schnell und unkompliziert dank Spac

Das Vehikel dafür ist die gegenwärtig groß in Mode gekommene Special Purpose Acquisition Company (Spac). Denn sie vereinfachen den Gang an die Börse, indem die Neulinge einfach, schnell und relativ unkompliziert mit einem bereits bestehenden Börsenmantel fusioniert werden. Dadurch kommen die Unternehmen zügig an benötigte Finanzmittel. 

Joby Aviaton ist so über die Fusion mit Reinvent Technology Partners an die Wall Street gegangen, Archer Aviation über den Zusammenschluss mit Atlas Crest Investment. Allein die Aktion von Joby im März hat rund 1,6 Milliarden Dollar brutto eingebracht. Es wird nun mit rund 6,6 Milliarden Dollar bewertet. Archer hat 1,1 Milliarden Dollar eingesammelt und hat danach einen Unternehmenswert von 3,8 Milliarden Dollar. 

Lilium kommt in einigen Wochen

Damit relativiert sich die vom McKinsey im ersten Quartal beobachtete hohe Dynamik - was indes nichts daran ändert, dass der neuen Branche weitere bewegte Zeiten in Sachen Geldkollekte bevorstehen. Denn noch im zweiten Quartal will die Münchner Lilium es Joby und Archer nachmachen. Über die Fusion mit der amerikansichen Quell Acquisition wollen die Deutschen in den nächsten Wochen in New York 830 Millionen Dollar über die Börse einnehmen, was den Unternehmenswert von bislang mehr als 1 Milliarde Dollar auf 3,3 Milliarden Dollar katapultiert. Lilium will 2024 kommerziell mit seinem Jet starten.

Kommt auch noch Volocopter? 

Vom anderen fortgeschrittenen deutschen Unternehmen Volcopter aus Bruchsal sind derlei Pläne nicht bekannt - noch nicht. Sie hatte gerade erst rund 200 Millionen Euro vor allem bei den bereits engagierten Investoren wie Deutsche Bahn, Daimler, Autokonzern Geely aus China erhalten, aber auch neue Geldgeber wie Continental und der weltgrößte amerikanische Vermögensverwalter Blackrock gefunden. Auch Volocopter steht vor einer neuen Stufe des Ausbaus und könnte weitere Finanzmittel im größeren Umfang gebrauchen - besonders wenn andere, konkurrierende Entwickler nun Tempo machen, das durch die Börse befeuert wird. 

Blackrock ist nun auch bei Lilium eingestiegen; ein Hinweis darauf, dass selbst die ganz Großen nun auf eVTOL setzen und dem Trend folgen. Besonders im fortgeschrittenen Entwicklungsstadium steigt der Finanzbedarf. Laut McKinsey kann der Bau je nach Flugzeuggröße zwischen 1 und 2 Millarden Dollar bis zur Zulassung kosten. Zugleich laufen Investitionen in Produktion und auch im Vertrieb mit der Marktbearbeitung etwa der Akquirierung von kommerziell tragfähigen Projekten an.

Fokus liegt auf Passagiertransport

Das Gros von 80 Prozent des vom Unternehmensberater zugrunde gelegten Gesamvolumens an Investitionen entfällt auf bemannte eVTOLS mit dem transport von Passagieren; dort sind die Volumen erst seit 2019 richtig in die Höhe geschnellt. Der Rest ist in die Entwicklung von Fracht- und Beobachtungs- beziehungsweise Überwachungsdrohnen geflossen. 

Die Prognosen für die Lukrativität des Zukunftmarktes übertrumpfen sich seit langem. Die Investmentbank Morgan Stanley zum Beispiel schätzt das Marktvolumen für die eVTOLs auf atemberaubende 1,5 Billionen Dollar bis zum Jahr 2040. Ob das tatsächlich eintritt, steht in den Sternen und wird von vielen Fachleuten aus der Luftfahrtbranche durchaus in Frage gestellt. 

Zweifel an der Phantasie gibt es jedenfalls nicht. Zum Vergleich hat McKinsey die Finanzinvestitionen in das Carsharing seit 2010 aufgeführt, das in den vergangenen Jahren ebenso als zukunftsträchtiges und wichtiges Geschäftsmodell in der neuen Mobilität strapaziert worden ist, aber noch nicht richtig überzeugen konnte: 1,4 Milliarden Dollar.


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