Fun with Balls: Hyperaktiv gegen die Wand


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25 Feb
25Feb

Markos Aristides Kern hat endlich einen richtigen Plan. Für sein 2015 gegründetes Unternehmen „Fun with Balls“ will er eine Finanzierungsrunde auf den Weg bringen, nachdem er die vergangenen fünf Jahren den Aufbau aus eigener Kraft; mit Freunden sowie Business Angels gestemmt hat. Kern ist überzeugt, dass interaktive Ballspiele im Sport ganz groß im Kommen sind. Aus der Kombination von Sport, Technik, Software und Gamification wird für ihn „Sportification“. Er hat, wie er sagt, „eine Playstation in Groß“ entwickelt. 

25. Februar 2021

Mit der geht es in der Sporthalle für Groß und Klein spielerisch wie kämpferisch hoch her, wenn sie mit Bällen auf eine interaktive Wand schießen – statt auf der Couch sitzend auf dem Smartphone oder Tablet herumzuwischen.

Angefangen hat es mit „Interactive Squash“. Der riesige Touchscreen an der Wand der Sporthalle ist umrandet von Hunderten von Sensoren. Er bietet interaktive Trainingsprogramme für das in die Jahre gekommene Spiel Squash. Mit „Multiball“ hat Kern die Softwareprogramme um Spiele im Großformat erweitert, wie man sie im Keinen auf Smartphone-Apps finden kann. Damit ist Pepp in das Angebot gekommen.

Spielekonsole für Zuhause

Bislang sind Unternehmen, Schulen, Sportvereine oder Fitnessklubs Kunden. Nun hat Kern mit „Limbic“ eine Sport- und Spielekonsole für Zuhause entwickelt. 30 Fitness-Anwendungen und Sportspiele bietet sie zur Auswahl an. Zum Schutz von Lampen und Blumenvase empfiehlt sich in der Wohnung, mit einem Softball zu spielen. Ein gut gefülltes Portemonnaie ist angesichts des angestrebten Preises von 1095 Euro ebenso ratsam wie geräumige vier Wände, die eine Projektionsfläche von mindestens zwei Meter Breite ermöglichen. Wobei: Ein Mega-Flachbildschirm tut es auch.

Markos Kern vor dem "Touchscreen" - einer Wand                                         Fotos Rüdiger Köhn  

Der Plan steht. Markos, schnell bietet er das "Du" an, lacht – und zwar über sich. Er spricht plötzlich über Nachhaltigkeit und langfristige Vorbereitung, als könne er es selbst nicht glauben. „Plan“? Den Begriff gab es bis dato nicht in seinem Vokabular. Der Sinneswandel, konzediert er, müsse auch am Alter von 37 Jahren liegen. Der Gründer mehrerer Unternehmen, der Innovationsberater, Kreative, VJ (für Video Jockey), Videokünstler, Selfmademan, Bastler und Hobby-Werkler ist rastlos und nicht zu bremsen. Sein Leben und seine Erfolge hat er bisher auch so geschaukelt – ohne Plan, Blaupausen, Kosten- und Risikokalkulationen oder gar Kalkül. Wie sollte das auch zu jemanden passen, der sich selbst als „hibbelig“ und „hyperaktiv“ bezeichnet.

Das überspielt er gekonnt. Zu erkennen ist dieser Zustand nur an dem, was er bisher getrieben hat; und mit Abenteuer ist das eher unzulänglich beschrieben. Sein Lebensprinzip lautet: zu machen, worauf er Lust hat, Ideen spontan umzusetzen.

Videokunst auf Sanddünen

2011 ist Kern nach Ende des Libyen-Bürgerkriegs mit einem Konvoi von fünf Lastwagen in die Sahara gefahren, um auf Ruinen und riesigen Sanddünen Videokunst-Installationen zu projizieren; und wenn es der Canale Grande von Venedig war. Das hat er einfach so mal für sich aus Spaß und Faszination gemacht. Vorort sorgte er für viel Begeisterung bei Einheimischen und Touristen, die vorbeizogen und begeistert die Show verfolgten. Drei Jahre später fuhr er auf der Polarstern des Albrecht-Wegener-Institutes mit einer halben Tonne Video-Ausrüstung in die Antarktis, wo er 90 Meter breite Eisberge illuminierte und zugleich mit der Aktion auf die Klimakatastrophe aufmerksam machte. Für Crew und Forschungsteam der Polarstern war das, eingemummelt am Heck des Schiffes sitzend, höchst willkommene Abwechslung.

Schließlich hat der Hobbysurfer und Vielreisende Tourismusgeschichte geschrieben, in dem er – kein Witz – 2015 in Nordkorea eine Surfschule aufgebaut hat, die es heute noch gibt. Ein befreundeter Chinese nahm ihn mit in das von der Außenwelt weitgehend abgeschottete, totalitär regierte Land, in dem gerade so etwas wie eine Tauwetterphase eintrat. 


Statt die überschaubare Menge Devisen zahlender Touristen mit strikt organisierten. langweiligen Städte- und Museumtouren ein unrealistisches Bild von Land und Volk zu vermitteln, sollte man ihnen die Menschen zeigen, wie sie tatsächlich sind, sagte sich Kern. Er denkt da nicht politisch, geht offen, ohne Vorbehalte auf die Menschen zu, hat die Verhältnisse vor Ort respektiert - und ist von Funktionären gehört worden. Die ließen ihn walten und waren von der Idee der Surfschule angetan. Zwölf Mal ist er in Nordkorea gewesen; zuletzt vor drei Jahren.

Heute spricht Kern von der „geänderten Sinnfrage“, die Spontanes in den Hintergrund, Planbarkeit in den Vordergrund rücke. Während er sinniert, wibbt rechts hinter ihm ohne Unterlass die an der Feder hängende Babywiege rauf und runter, angetrieben durch einen leise surrenden Motor; das passt zum Ambiente der Start-Up-Werkstatt. Das Baby schläft tief, meldet allerdings dezent Protest an, wenn es nicht mehr wibbt. Es hat ganz offenbar die Gene des Vaters.

Wilde Ideen - selbst finanziert

Der ist nicht nur kreativ und hegt wilde Ideen. Es ist ihm auch immer gelungen, seine aufwendigen Reisen und Eskapaden aus eigener Kraft zu finanzieren. „Niemand hat mir Geld hinterher geschmissen.“ Er habe von der Hand in den Mund gelebt. Mit organisatorischem Talent und mit seinem Verdientem hat es immer Wege gegeben, seine Projekte umzusetzen. Kern kommt aus einfachen Verhältnissen. Seine Mutter, Laborantin von Beruf, hat ihn alleine in Heidelberg und Augsburg aufgezogen; den Vater hat er nie gesehen.

Das Studium der Philosophie und Ethnologie brach er nach dem ersten Semester ab. Es sei schon interessant gewesen, die beruflichen Perspektiven aber doch recht überschaubar. Schon vor dem Abitur verdingte er sich als Videokünstler, spielte in Klubs Videoinstallationen parallel zur aufgelegten Musik ab, verdiente auch mal 1000 Euro am Abend. Mit 16 Jahren hat er sich die erste Kamera gekauft und fotografierte viel. Schon früh entwickelte er so den Hang zur visuellen Kunst. Heute liegen auf seinem Schreibtisch und im Regal hinter ihm eine Auswahl von feinsten Kameras à la Hasselblad.

Video, Licht, Ausstellungs- und Bühnendesign haben ihn seit jeher gereizt. 2004 gründete Kern mit 21 Jahren „Visual Drugstore“. Selbst entwickelte Lichtshows wurden von 46 auf Lastwagen installierte Projektoren auf das Maritime Museum in Hamburg, den Zwinger in Dresden oder die Wiener Karlskirche projiziert. Die Installationen waren gefragt, wurden immer größer und aufwendiger; europaweit konzipiert für BMW, Porsche, Audi, Intel oder Hugo Boss. So sehr ihn das VJ-Dasein begeisterte, der Zeitpunkt kam, in dem für ihn trotz seines Erfolgs vieles zu eingespielt war. Nichts wird zwei Mal gemacht, jedes Ereignis muss einmalig sein. 

Routine, Wiederholungen gibt es ebenso wenig wie „Banales und Sinnloses“. Das ist eine eherne Regel von Markos Kern. 2014 verkaufte er Visual Drugstore. Seit elf Jahren residiert er in einem denkmalgeschützten Umspannwerk an der Isar im Norden Münchens, das er selbst umgebaut und konzipiert hat. Heute beschäftigt er 20 Mitarbeiter, laufen diverse Eichhörnchen über das Gelände, residieren vier Waschbären im eigens für sie gebauten Gehege, produzieren vier Bienenvölker im Jahr bei guter Ausbeute 40 Kilogramm Honig.

Alles ist fließend. Verkauf von „Visual Drugstore“, Abenteuerreisen - und die Gründung von Kern Innovations, die er als Innovations-, nicht als Unternehmensberatung verstanden wissen will. Die entwickelt in Anlehnung an Visual Drugstore Design-, Architektur- oder Ausstellungskonzepte für Dritte zu Themen Cloud, Digitalisierung oder künstliche Intelligenz. Das Beratergeschäft macht er heute noch nebenbei, nimmt zwei oder drei Aufträge etwa für die Gestaltung von Foren im Jahr an. Als Mitgründer des digitalen Reiseführers „Ulyss“ hat er den Red Dot Award erhalten, eine von vielen Auszeichnungen.

Zufallsbegegnung Squash

„Fun with Balls“ entstand aus Zufall. Während eines Flugstopps in Dubai wollte der Vielflieger Tontauben schießen, was ein Sandsturm verhinderte. Ein Bekannter zog ihn zum Squash. Den Schläger hatte er zum ersten Mal in der Hand. Es machte Spaß. Doch Kern fehlte etwas: „Warum ist da kein Screen?“ Wäre doch super, wenn es man das interaktiv machen könnte. Das würde die aus der Mode gekommene Nischensportart auch wieder attraktiver werden.

Kern entdeckte die Chance, Sport mit Technik zu verknüpfen. So entstand „Interactive Squash“. Der Verkauf im In- und Ausland lief hoch, in Folge ebenso die abgeleitete Version „Mulitball“. In den letzten vier Monaten 2019 habe er profitabel gearbeitet. “Fun with Balls“ sollte zwei bis 2,5 Millionen Umsatz machen. Es wurden nur 800.000 Euro. Der corona-bedingte Shutdown hat ebenso die Hoffnung zunichte gemacht, im Frühjahr 2020 rund 2,4 Millionen Euro einzusammeln, um das Unternehmen neuen Schub zu geben. 


Kern entschied in der Situation, eine vor zwei Jahren gereifte Idee eines Konsumproduktes für Zuhause früher umzusetzen: „Limbic“. Heimtrainer sind in Zeiten von Lockdown und Homeoffice mehr denn je gefragt; wie man am reißenden Absatz der teuren Luxus-Spinningräder von Peloton oder an den Verkaufserfolgen des Start-Up Vaha mit dem smarten Fitness-Spiegel sieht. Limbic soll im Juli oder August auf den Markt kommen. Die Finanzierungsrunde bereitet Kern nun vor. Neben dem gestarteten Crowdfunding für das neue Produkt hofft er, im Frühjahr Investoren gefunden zu haben. 

Dabei dürfte ihm helfen, dass in einer ersten kleinen Runde die Beteiligungsgesellschaft Bay BG des Freistaates Bayern im Herbst eingestiegen ist. Von ihr stammt der größte Teil der eingesammelten 1,2 Millionen Euro, der Rest verteilte sich auf Business Angels und auf den amerikanischen Sportschuhhersteller Asics.

Fußball ohne Jugend?

Der Trend zu Sport und Gesundheit ist das eine. Doch sieht Kern ebenso die Notwendigkeit des hybriden Sports mit der Verbindung zur Technologie. Das sei notwendig, um die Gesellschaft aktiver zu machen. Da stünden gravierende Umbrüche an. Verbände und Vereine würden immer noch in der Welt vor 50 Jahren denken. „Die werden mächtig unter Druck geraten, wenn sie nicht endlich den Wandel erkennen und sich etwas einfallen lassen“, warnt er. Wer schaue sich noch Tennis an? Markos Kern ist sicher, dass dem Fußball ein ähnliches Schicksal droht, wenn nicht mit pfiffigen, auch digitalen Konzepten entgegen gesteuert wird. Was, fragt er, wenn sich Kinder in die reine digitale Welt zurückziehen und immer weniger Sport machen. „Dann gibt es irgendwann auch keine Fußballspieler mehr.“

Einer von Kerns Trucks steht immer noch auf dem Hof. Erinnerungen an Visual Drugstore.


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