18 Minuten Lesezeit
18 Sep
18Sep

Zum ersten Mal wird in Europa eine autonom fliegende Drohne Ende des Jahres regelmäßig über der Stadt fliegen. Besser: über den Köpfen der Münchner. Maple Octave wird Labor- und Blutproben oder Medikamente vom und zum Uniklinikum Großhadern im kommerziellen Pendelverkehr transportieren. Anfang 2023 ist Maple Aviation gegründet worden. Nur zwei Jahre später hat das Münchner Start-up die erste europaweite Zulassung für eine Drohne erhalten, die dicht besiedelte Gebiete überfliegen darf. Die jahrelangen Erfahrungen des Gründers Christoph Busch als Chef-Tester des gefallenen Flugtaxi-Unternehmens Lilium haben bei den schnellen Fortschritten geholfen. Schon vor der Lilium- Pleite ist Busch unter die Start-up-Gründer gegangen. Kliniken haben händeringend auf ein Logistikkonzept gewartet, das er mit dem kleinen KI-gesteuerten eVTOL anbietet, um zuverlässig, sicher, schnell und staulos zeitkritische Medizingüter zu transportieren. Mit mehr als einem Dutzend Krankenhäusern und Labore gibt es Vorverträge. 2027 geht es für Busch richtig ab.

München, 18. September 2026 - Von Rüdiger Köhn

Medikamente, Labor- und Blutproben kommen in die Box. Die wird auf einen Quadcopter gesetzt. Die Drohne mit aufgeflanschtem, futuristisch anmutenden Plastikkasten pendelt über den Köpfen der Städter und über verstopften Straßen zwischen Krankenhaus, Labor oder Zentralapotheke mehrfach am Tag. Künstliche Intelligenz übernimmt Flugsteuerung, Wetterberechnungen, Internet-Kommunikation per Mobilfunk mit verschiedensten Schnittstellen. KI sorgt für das saubere Landen auf einem kleinen Port oder für die Abgabe der Box am Fenster mit eigens entwickelten Teleskop-Arm. Ist diese abgesetzt, fliegt der unbeladene Quadcopter zur nächsten Mission, um neue Fracht aufzunehmen. Damit die Punktlandung gelingt, erkennt eine Kamera aus 100 Meter Höhe den am Zielort angebrachten QR-Code.

Im Luft-Pendelverkehr überfliegt Maple Octave mit bis zu 90 Kilometer in der Stunde die Stadt. So transportiert sie in wenigen Minuten Proben für dringend erforderliche Analysen etwa als Vorbereitung für eine Operation in Labore - während sich Kuriere am Boden durch das Straßenchaos kämpfen. „Das hat bisher noch niemand in der Welt geschafft“, sagt Christoph Busch, der Maple Aviation Anfang 2023 gegründet hat.

Seit Jahren laborieren viele Start-ups an Logistik-Konzepten für Drohnen-Transporte über Land und in der Stadt, auch für medizinische Zwecke. Dazu gehört Urban Ray, Wingcopter, Horyzn (Studenteninitiative der TU München), die allenfalls zu Demo- und Testzwecken eine zeitlich befristete Erlaubnis für das Überfliegen von Metropolen erhalten.

    Christoph Busch mit seiner Drohne Maple Octave                                            Foto Rüdiger Köhn

Christoph Busch, 38 Jahre, gilt als Vorreiter, der nach nicht einmal drei Jahren mit Maple Aviation in den nächsten Monaten ein ausgereiftes Konzept im Krankenhaus-Alltag kommerziell einführen wird. Er hat als erster Drohnenbetreiber in Deutschland die Zulassung für Flüge mit einem elektrisch betriebenen, selbständig fliegenden Senkrechtstarter (eVTOL - electrical Vertical Take Of and Landing) in dicht besiedelten Städten und Ballungszentren erhalten. „Es fehlt jetzt nur noch die Zulassung für den Fallschirm“, grinst der Gründer, der Maple Aviation in Ottobrunn bei München im Umfeld des dortigen Luft- und Raumfahrthubs aufgebaut hat. Die Fallschirm-Zertifizierung erwartet er für die nächsten Wochen.

Kommerz-Start mit Münchner Klinikum Großhadern

In wenigen Monaten wird vor Ende des Jahres ein Linien- und Pendelverkehr zwischen dem Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilian Universität (LMU) als erster Kunde und dessen Netzwerk-Partnern - Labore, andere Krankenhäuser, Arztpraxen und Apotheken - beginnen. Dann fliegen Blut- oder Dermatologieproben, Schnell-Schnitte und Medikamente über den Köpfen der Münchner auf direktem Weg zum Ziel.

„Die Etablierung des Logistik-Systems für die Uniklinik Großhadern ist unser erster großer und wichtiger Meilenstein“, sagt Busch. „So können wir belegen, dass wir nicht nur die Ersten und die Schnellsten, sondern auch die Besten sind.“ Um hinzuzufügen: „Dann geht es ans Skalieren.“ Das wird 2027 geschehen. Das zunächst von Busch allein mit ein paar Mitarbeitern aufgebaute Start-up stellt die Drohne mit Quadcopter und Box inklusive dazugehörigen Docking-Arm am Fenster her, entwirft, organisiert und betreibt das Logistiksystem, übernimmt den Service einschließlich Ladeeinrichtungen für die Batterien (installiert entweder am Krankenhaus oder in eigenen Hubs). In Abwandlung des angewandten Begriffs für Abonnements „Software-as-a-Service“ (SaaS) nennt Busch sein Geschäftsmodell DaaS - „Drone-as-a-Service“. „Am Ende besteht der Vorteil unseres Systems vor allem in der Schnelligkeit, Sicherheit und der Zuverlässigkeit.“

                    Der Fallschrim für Maple Octave, kurz vor der Zulassung    Foto Rüdiger Köhn

Andere Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen (Pflege- und Seniorenheime) in Deutschland beäugen sehnsüchtig eben jenen in Großhadern gesetzten Meilenstein, so auch das Klinikum in Ingolstadt. Mit ihm und mit mehr als einem Dutzend anderer hat Maple Aviation bereits Absichtserklärungen (Letter of Intent) unterzeichnet; dazu gehören außerdem das Klinikum der LMU Innenstadt, Klinikum Planegg und das Labor Becker in München. „Es gibt bislang keinen anderen Anbieter“, betont Busch. Maple Aviation sei auf die nächstes jahr beginnende Skalierung vorbereitet. Es existierten bereits Routenpläne, Netzwerke sowie Kostenpläne für die potentiellen Kunden.

Schnelligkeit ist nicht nur in der Luft ein Thema. Am Boden schafft das System nämlich ebenso erhebliche Vorteile. Krankenhaus-Mitarbeiter müssen heutzutage lange Wege auf den riesigen Klinik-Komplexen hinnehmen, um am Empfang einem Kurier Proben zu übergeben oder wichtige Medikamente entgegenzunehmen. Maple Octave kann direkt am Fachbereich abliefern, am Fenster oder auf einem Landeplatz nebenan. Da es sich um hochfrequente Vorgänge handelt, ist das ein Punkt: „Logistische Effizienz ist für die Kunden sehr wichtig.“

                                                 Der Teleskop-Arm am Fenster...

                                                 ... als Landeplatz.                     Fotos Maple Aviation

Natürlich stellt sich die Frage, warum es Christoph Busch gelungen ist, als Erster eine europaweite Erlaubnis für autonome Transportflüge über Städten zu erhalten. „Wir haben eine Drohne für die kleinste Größenklasse entwickelt, die es in den Zulassungsverfahren gibt“, sagt er. „Das hat die Genehmigung erleichtert und beschleunigt.“ Busch meint damit, dass die Drohne mit ihren kleinen Abmessungen speziell in einer Zulassungsklasse entwickelt worden ist, für die es bereits konkrete Genehmigungsschritte sowie -kriterien gibt. Maple Octave ist nicht nur sehr kompakt, sie hat auch eine geringe Nutzlast von bis zu 10 Kilogramm.

Die Vorgabe: klein und leicht

Klein und leicht ist also die Vorgabe gewesen. Erst dann ist es auf die Suche nach Einsatzmöglichkeiten für das Leichtgewicht gegangen. Medikamente und Laborproben sind ideal geeignet, dachte sich Busch. Und er ist auf reges Interesse gestoßen. Krankenhäuser warten nämlich seit Ewigkeiten auf sinnvolle Lösungen für unkomplizierte Transporte von eiligen, anspruchsvollen und sensiblen Gütern als Alternativen zu staugeplagten, bodengebundenen Kurierdiensten.

Die Strategie von Busch unterscheidet sich von anderen Drohnen-Entwicklern grundlegend. Die setzen Produktideen um, analysieren Anwendungsmöglichkeiten und Marktpotentiale, die attraktive Geschäftsmodelle versprechen; sie realisieren technische Konzepte. Erst im weiteren Schritt gehen sie regulatorische Themen, Zulassungen und Zertifizierungen an.

                         Innenleben im Bastel-Status                                            Foto Rüdiger Köhn

Jahrelange Erfahrungen mit Zulassungsverfahren im Flugbetrieb haben sich ausbezahlt; zunächst als Testmanager beim Triebwerk-Hersteller Rolls Royce in Berlin, dann vor allem seit 2019 als Testchef des mittlerweile insolventen Flugtaxi-Entwicklers Lilium aus Oberpfaffenhofen bei München. „Da bin ich das erste Mal sensibilisiert worden, dass Drohnen eigentlich nach Größen und Nutzlasten zugelassen werden“, sagt Busch. Wegen des ehrgeizigen Flugtaxi-Projektes musste er sich zwangsläufig intensiv mit den regulatorischen Grundlagen auseinandersetzen. Es gelten dort nämlich andere Regeln als in der bemannten Luftfahrt. Und er merkte: Wer kleine Drohnen baut, bekommt leichter eine Zulassung.

Voilà.

Was brauchen die Leute in der Stadt, die man per kleiner Drohne mit geringer Nutzlast bedienen kann, fragte er sich, als er Lilium Ende 2022 verlassen hat. Paket-Lieferungen à la DHL und Amazon etwa; ein gigantischer Markt eigentlich, sind doch die meisten Pakete nicht schwerer als zwei Kilogramm. Der aber ist einerseits bereits stark besetzt, andererseits verlangen die zu erwartenden hohen Volumen mit einem großen Einzugsgebiet ein wesentlich umfangreicheres Logistik-Netzwerk.

Erfolg erst im zweiten Pitch bei ESA BIC

Tatsächlich hat Busch in seiner ersten Präsentation bei der ESA BIC (European Space Agency Business Incubation Center), einem Gründungs- und Innovationszentrum der Europäischen Weltraumorganisation ESA, in diesem Bereich der Paketlogistik „gepitcht“. Trotz der präsentierten Vorteile in Sachen Komfort, Schnelligkeit, Sicherheit und Zuverlässigkeit ist er durchgefallen. Ein Jury-Mitglied etwa habe den Mehrwert für die Gesellschaft vermisst. Und schließlich müsse er doch erst einmal beweisen, wie mit seiner Drohne ein „Milkrun“ zu bewerkstelligen ist; also wie dereinst der englische Milchmann volle Milchflaschen vor die Haustür stellt und leere mitnimmt.

Ein Zufall musste her, der Busch aus diesem Dilemma holte. Auf einer Robotermesse in Ingolstadt bekam er Kontakt zum Klinikum Ingolstadt, die mit dem Drohnen-Hersteller Quantum Systems im Medikamenten-Transport zusammengearbeitet hat. Er recherchierte und machte im riesigen Markt Medizin-Logistik Chancen für den Schnelltransport von zeitkritischen, hochsensiblen Medikamenten, Labor- und Blutproben aus „Da haben wir verstanden“, lacht Busch. Schnelle Spezialtransporte; hohe Frequenzen; Hilfe oder gar Überlebenshilfe für Patienten. Das hat gesellschaftliche Relevanz und Mehrwert; und man kann damit Geld verdienen. Er präsentierte ein zweites Mal bei ESA BIC - und erhielt die erste Förderung über 50.000 Euro sowie Zugang zu wichtigen Netzwerken.

                         Erste Versuchsmodelle                                                       Foto Rüdiger Köhn

Visionär sei er nicht, sagt Christoph Busch von sich selbst. Eher der Macher, der möglichst effizient und schnell gesteckte Ziele erreichen wolle; wenn’s geht, auch noch rasanter. In acht Monaten, beginnend Anfang 2023, entwickelte er allein, unterstützt von ehemaligen Studienfreunden, ein Konzept.

„Ganz ehrlich: Mir ging das zu langsam, das hätte eigentlich auch schneller gehen können“, lacht er. Im Jahr 2022 reifte der Entschluss, bei Lilium auszusteigen; für ihn ein spannendes, herausforderndes Projekt, das ihn gepackt hat und Spaß bereitete, er sich damit identifizierte, ihm aber auch viel, später zu viel abverlangte. Er ging in Elternteilzeit und kehrte am Ende nicht mehr als Cheftester zurück.

Das Projekt Lilium-Jet zog bereits zu jenem Zeitpunkt zunehmend Skepsis auf sich. Unter Firmengründer Daniel Wiegand sind die Zielvorgaben immer anspruchsvoller geworden. So ehrgeizig, dass Zweifel über eine tatsächliche Realisierung lauter wurden, Experten aus Wissenschaft und Technik die Umsetzbarkeit hinterfragten; besonders nachdem das Konzept von einem Fünf- auf einen Sieben-Sitzer erweitert wurde. Das stellte völlig neue Anforderungen an Fluggerät und an Batterien, die erst noch entwickelt werden mussten und gar nicht State of the Art waren. Eine Finanzierungsrunde folgte auf die andere, obwohl von ein paar Testflug-Videoaufnahmen abgesehen belastbare Belege für eine erfolgreiche Umsetzung fehlten. Der Börsengang im September 2021 an der New Yorker Nasdaq leitete den Niedergang ein.

Vom Untermieter zum Mitgründer

Während der Lilium-Insolvenz im Herbst 2024 hat Christoph Busch längst sein eigenes Projekt aus der Taufe gehoben. Mit dem Zulassungsprocedere für Maple Aviation begann er im Sommer 2024, ein Jahr später bereits kam die Zulassung in einem Block: als Hersteller, als Full-Service-Anbieter, als Betreiber. Es machte sich bezahlt, dass er zwölf Jahre Zulassungsdokumente geschrieben hatte. Es hätte auch ein paar Tage schneller gehen können, wären Busch in den Dokumenten nicht ein paar, dann noch zu korrigierende dumme Schreibfehler unterlaufen.

Erst im März 2025 schloss sich Jonas Dengler, 31 Jahre, als Co-Gründer an. Er hat Management studiert, zunächst an der International School of Management in Dortmund. Den Master absolvierte er in Lissabon. Eigentlich kannte man sich noch gar nicht so lange. Busch, der mit dem Wechsel zu Lilium von Berlin nach München gezogen ist und mit seiner Frau eine relativ große Wohnung an der Donnersberger Brücke bezogen hat, benötigte Mitglieder für eine WG. Dengler suchte nach der Rückkehr aus Lissabon eine Bleibe, da er 2022 als Vertriebs- und Marketingmanager beim Auto-Abo Start-up FINN angefangen hat. Busch hatte den „charismatischen und besten Verkäufer“ schon in der Gründungsphase angesprochen, doch wollte der Untermieter erst einmal bei FINN bleiben. Nun kümmert sich Dengler bei Maple um Finanzen, Marktbearbeitung, Kundenbetreuung und Personal, während Busch auf das Technische fokussiert.

                         Jonas Dengler ist seit eineinhalb Jahren dabei.            Foto Maple Aviation

In diesen Tagen ist Dario Deuter als Chef für operative Abläufe (Vice President Operations) zum Team gestoßen. Er war Mitgründer vom Drohnen-Unternehmen Fairfleet und soll den operativen Hochlauf vorantreiben, für den Maple Aviation in diesem Sommer eine Pre-Seed-Finanzierung über 4 Millionen Euro abgeschlossen hat. Die ist im Zusammenhang mit dem anstehenden Start des Projektes am Klinikum Großhadern Ende des Jahres sowie dem Beginn der Skalierung 2027 zu sehen. Zu den Geldgebern gehören Bayern Kapital, ES Kapital sowie Business Angels und Venture-Captial- oder Private-Equitiy-Investoren wie Rüdiger Schmidt (Boston Venture), Stefan Eishold (ARCUS), Martin Giese (Cambridge Ventures) oder Bernd Bäzner (Aimconeo Venture). Damit ist die erste Expansionsphase erst einmal abgesichert. Bayern Kapital etwa begründet sein „Early-Stage-Investment" mit dem Alleinstellungsmerkmal im Drohnen-Markt und der erzielten Zulassung für Flüge und Betrieb über besiedeltem Gebiet; „an der Schnittstelle von DeepTech, Healthcare und Urban Air Mobility - mit dem Potenzial, medizinische Logistik grundegend zu verändern".

Christoph Busch denkt zugleich über andere Einsatzbereiche nach; im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz oder für Sanitäter-Leistungen zum Beispiel, über die Unterstützung und Versorgung von Rettungseinheiten mit Notfallmedizin oder Blutkonserven. Später einmal sei es vorstellbar, auch zwischen Stadt und Land in einem weiteren Radius zu fliegen, abhängig von einer sich weiter entwickelnden Batterietechnologie mit verbesserten Schnelllade-Kapazitäten, die höhere Frequenzen über längere Strecken ermöglichen. Dabei gilt jedoch stets eine eherne Regel - vorerst zumindest: Maple Octave, oder wie immer Nachfolgegenerationen heißen möge, wird immer klein bleiben.

https://maple-aviation.com/#product

Kommentare
* Die E-Mail-Adresse wird nicht auf der Website veröffentlicht.