Konux: Eroberer der digitalen Messwelt


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20 Apr
20Apr

Drei Studenten haben vor zwei Jahren Konux gegründet. Dahinter stehen Ikonen der Start-up-Szene. Ihre intelligenten Sensoren sind Teil von Industrie 4.0. In der realen Welt überprüfen sie schon die Weichen der Deutschen Bahn. 

20. April 2016

Was ist das Ziel? Um die Frage zu beantworten, steht Andreas Kunze auf, geht wortlos schnurstracks aus dem Besprechungsraum in ein Büro und deutet auf das Fenster zur Straße. Es ist mit Zahlen, Worten und Hieroglyphen zugeschrieben. In weißer Farbe steht da: "22.02.2022", ein Pfeil zeigt auf die Buchstaben "NY". Es ist mehr als eine Vision, die der Vorstandsvorsitzende von Konux Inc. hat - und sie mit den Partnern Vlad Lata, Technik-Chef, und Dennis Humhal, operativer Vorstand, teilt.

Am 22. Februar in sechs Jahren soll an der Wall Street die Glocke läuten, spätestens. Wenn der Hersteller digitaler, lernfähiger Sensoren Premiere hat, sind die drei gerade einmal um die dreißig. Kunze und Lata sind heute 25 Jahre alt, Humhal ist 26 Jahre. Bis dahin tüfteln, akquirieren und lernen sie noch viel, pendeln oft ins Silicon Valley, wo die zweite "Garage" steht.Hirngespinste sind es nicht, die die drei umtreiben. 

                                    Andreas Kunze Foto Konux


Sie haben ein so realistisches und vielversprechendes Szenario einer Neugründung gezeichnet, dass Andreas von Bechtolsheim und Michael Baum mitziehen; die Ikonen der internationalen Start-up-Szene. Sie steuern in der jetzt abgeschlossenen Finanzierungsrunde über 7,5 Millionen Dollar einen maßgeblichen Teil bei. Mit dem MIG Fonds ist einer der großen Venture-Capital-Investoren aus Deutschland ebenso im Spiel wie die amerikanische New Enterprise Associates (NEA), größter Fonds im Silicon Valley, der auch Salesforce und Uber mitträgt.Baum wie Bechtolsheim waren schon vor einem Jahr in der ersten Zwei-Millionen-Runde Geldgeber. 

Prominente Start-Up-Investoren

Mehr Bestätigung geht nicht: Unternehmer Bechtolsheim war einer von vier Gründern von Sun Microsystems und einer der ersten Investoren von Google; Michael Baum hat sechs Start-ups im Silicon Valley aufgebaut. Er machte aus Splunk eines der am schnellsten wachsenden Software-Unternehmen, ein führender Anbieter von Big-Data-Analysesoftware für Industrie 4.0 und digitale Produktion. Splunk ging 2012 an die Börse und ist heute 6 Milliarden Dollar wert.

Wobei: Über ihre "Friends & Family"-Initiative und dank etlicher Preisgelder hat anfangs auch das Gründertrio eine halbe Million Euro beigesteuert. Mit ihrer neuen Finanzierung sind die Expansionspläne für die nächsten zwei Jahre gesichert. Sie wissen, dass sie liefern müssen. Den Umsatz will Kunze um Faktor zehn ausweiten. Dieses Jahr soll er 1 Million Dollar erreichen, nächstes Jahr 10 Millionen Dollar, übernächstes 100 Millionen Dollar. Das ist nach dem Gusto der Investoren. "Amerikaner sehen die Visionen und lieben das", zielt der Konux-Chef auf die Mixtur der Financiers ab: "Die Deutschen sind vorsichtiger und solide; sie geben Geld, wenn sie vom Konzept überzeugt sind." 

 Tüfteln im Labor Foto Konux


Amerikaner investieren bevorzugt in Start-ups des eigenen Landes, weshalb Konux als amerikanische Aktiengesellschaft (Inc.) in Palo Alto gegründet worden ist. Die eigentliche "Garage" steht aber in Deutschland und liegt im ersten Stock der Werkstatt Sendling, dem früheren Philip-Morris-Komplex. Die Räumlichkeiten sind halb leer, es wird noch fleißig ein- und umgebaut. Vor zwei Jahren haben sich die drei ins Abenteuer gestürzt. Die Ingredienzien des bisherigen Erfolgs: Tatendrang, Erfinder- und Tüftlergeist; Naivität junger, weltfremder Studenten, die den unbeschwerten Blick in die Zukunft ermöglicht; Raffinesse; autodidaktische Fähigkeiten zum Aneignen von Managementkenntnissen inklusive Marketingsprache; und - vor allem - erfolgreiches Netzwerken an Universitäten.

Im März 2014 wurde Konux - aus dem griechischen "Konos" (Kegel) und dem lateinischen "Lux" (Licht) gebildet - gegründet. Da studierten sie noch. Kunze ist Wirtschaftsinformatiker, Lata Elektro- und Informationstechniker, Humhal Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieur. "Wir haben mit 4000 Euro angefangen", sagt der Vorstandschef. Alle kämen sie aus einfachen Verhältnissen. Das Geld habe nicht auf der Straße gelegen. Im Februar 2015 stellte er die ersten Mitarbeiter ein. "Drei Angestellte und uns selbst." Heute sind es mehr als dreißig.Damals hatten sie einen Prototyp. "Mit dem konnten wir immerhin ein Gerät zeigen, das messen kann", schmunzelt der in Rumänien geborene Vlad Lata. Das war noch ziemlich weit entfernt von dem, was er heute präsentiert. 

                                                       Quelle Konux

Gegenüber der klassischen, analogen Sensortechnik bietet Konux Hardware- und Softwarelösungen in einem an. Daten werden erfasst und analysiert, die Messwerte an die Server der Kunden gesendet, die in Echtzeit Maschinen oder ganze Anlagen steuern. Deren Lebensdauer kann sich mit einer effektiveren und kostengünstigeren Wartung verlängern. Ausfälle von Geräten oder gar von Systemen werden verhindert. Das Start-up hat somit einen wichtigen Baustein für die digitale Produktion in der vernetzten Welt von Industrie 4.0 geschaffen. Prozesse jedweder Art werden transparent und steuerbar. 

Es steckt noch mehr hinter dem kleinen unscheinbaren, unförmigen Gerät: "Der digitale Sensor lernt dank der eingebetteten Softwaresysteme, er ist damit intelligent", beschreibt Lata die Einmaligkeit. "Auch wenn es noch nicht so offen zu erkennen ist: Unsere Sensoren ermöglichen künstliche Intelligenz, wir haben es dann mit lernenden Maschinen zu tun."Niemand schien den Bedarf gesehen zu haben - bis Andreas Kunze kam. "Ich bin an der Uni auf ein neuartiges Messprinzip gestoßen, basierend auf einem kontaktlosen optoelektronischen Verfahren", sagt er. "Es hat mich fasziniert, und ich dachte, damit kann man die Welt verändern." Fügt Technik-Freak Lata hinzu: "Die Konkurrenzprodukte basieren mit der Drehmomenten-Messung auf einer Technologie aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts." 

                                   Vlad Lata Foto Konux


Wenige Monate nach der Gründung holte das junge Team bei Wettbewerben die ersten Preise. Es schaffte den Sprung ins Silicon Valley. Unter 1000 Bewerbungen gehörte Konux zu den 50 Teams, die zu den Auserwählten des Accelerator-Programms Founder.org von Seriengründer Michael Baum gehörten. Die Jungs aus München wurden als eines der zehn erfolgversprechendsten Gründer des Jahres 2014 gekürt - und erhielten 100 000 Euro. Über einen Scout wurde die Deutsche Bahn auf sie aufmerksam, die sie ihrerseits in ein Accelerator-Programm aufgenommen hat. Sie gehörten unter 250 aufgespürten Firmen zu den vier Auserkorenen. Die Bahn ist heute Vorzeige- und Hauptkunde. Der ist Türöffner und hat großen Anteil daran, dass Konux vor der Kommerzialisierung steht.

In einem Monat entwickelten die drei für die Bahn einen Prototyp, der unter das Gleis montiert wird und nun Vorserien-Status hat. Der Sensor misst den Zustand des Gleises, der Weiche oder Belastungen für das Gleisbett. Er kann sogar den Zustand der Zugachsen und -räder beim Überqueren messen. "Damit erhält die Bahn über wichtige Teile ihres Netzes zu jeder Zeit einen transparenten Zustandsbericht", sagt Lata. Das ersetzt Analyseteams, welche die Gleise aufwendig vor Ort prüfen müssen. Durch das frühzeitige Erkennen kann die Bahn schnell auf Mängel reagieren, was Schäden vermeidet oder verringert. Langsamfahrten an neuralgischen Streckenabschnitten sind nicht mehr notwendig, was die Pünktlichkeit erhöht.

Gewaltiges Sparpotential für die Instandhaltung

Jährlich, sagt Kunze, können so 25 Prozent der Instandhaltungskosten der Bahn von 1,5 Milliarden Euro gespart werden, wenn sie 230 Euro in einen Sensor plus 76 Euro für die Software investiert. Rund 800 Einheiten sollen in diesem und nächsten Jahr installiert werden, 30 000 bis 2019. "Konux ist ein Partner auf unserem wichtigen Weg zur Infrastruktur 4.0", lobt Klaus Müller, Technologie-Vorstand der Infrastruktur-Sparte DB Netz AG.Was für Gleis und Weiche gilt, trifft auf Pumpen genauso zu. Über das Messen von Vibrationen lässt sich deren Zustand ermitteln. Für die Schraubautomation und für Werkzeugmaschinen hat Konux sein Standardprodukt angepasst und intelligente Sensoren konzipiert. 

"Wir haben schon Anfragen aus vielen Branchen", sagt der operative Vorstand Humhal. Die Fühler sind in der Automobiltechnik und Luftfahrt, der Automatisierung, Robotik, in Bohrgestängen und -köpfen oder in der Windkraft anwendbar. "Der adressierte Markt für Sensoren steigt in den nächsten fünf Jahren weltweit von 111 auf 171 Milliarden Dollar 2020", sagt Humhal.Einige Umwege musste das Trio schon gehen. Das optoelektronische Messverfahren, das es Kunze auf einem Workshop der Technischen Universität München angetan hat, versprach, eingebaut in ein Gerät, allein nicht den Durchbruch. Nachdem Kunze in interdisziplinären Elite-Netzwerken und Entrepreneurship-Programmen an der Uni München Lata und Humhal schnell als Mitstreiter gewonnen hatte, musste das Team bald die erste Ernüchterung hinnehmen. 


Foto Konux


Sie gingen zu potentiellen Kunden, wenn sie denn vorgelassen wurden. Die hatten kein Interesse nur an einem Sensor; es sei denn, dessen Datenanalyse vereinfacht den Umgang mit Maschinen und macht deren Betrieb günstiger. Das Thema allerdings hatten die Entwickler noch nicht auf dem Radar, obwohl sie da schon Preise für ihren Prototyp erhalten hatten. "Wir haben uns am Anfang bei den ersten Präsentationen ganz schön weit aus dem Fenster gelehnt", grinst Kunze. Es reifte die Erkenntnis: "Verkaufen können wir unser Produkt nur, wenn es dem Kunden Probleme abnimmt" sagt er. "Das haben wir schnell nachgeholt." Und noch eines ist Kunze klar geworden: "Wir müssen extrem schnell lernen, denn wir sind jung und haben noch sehr viel vor." 

Die oberste Maxime lautet: "Fehler dürfen sich nicht wiederholen." Die Angst davor veranlasst ihn, ein Büchlein mit sich zu führen, in dem er Fehler aufschreibt, die er bislang begangen hat. "Wir haben vergangenes Jahr 1892 Telefonate geführt, 152 Stunden in Gesprächen verbracht und 9528 E-Mails verschickt, um zu verstehen, was der Kunde will", beschreibt Humhal die Wissensbegierde. 

Matratzen im Silcon Valley

Kunze und Lata verbrachten 2015 Monate in den Vereinigten Staaten und sogen auf, was sie konnten. Sie behausten im Silicon Valley drei Monate ein kleines Zimmer und schliefen auf Matratzen. "Spätestens da wussten wir, wie wir ticken und dass wir uns verstehen", sagt Lata. In München baute derweil Humhal ein Netz mit 30 Zulieferern von benötigten Komponenten auf. "Allein das hat ein Jahr gedauert." 

Streng genommen, könnte Konux ein Übernahmekandidat für Konzerne werden, die sich auf das Geschäft mit der digitalen Fabrik stürzen; Siemens oder General Electric etwa. "Wir verkaufen unser Unternehmen nicht", sagt CEO Kunze ohne Umschweife. Das möge am Ende 80 vielleicht auch 125 Millionen Dollar bringen. "Der Börsengang sichert uns die Eigenständigkeit", sagt er. "Und das Marktpotential ist so groß." Der Verkauf ist ohnehin nicht einfach. Die Mitarbeiter halten mehr als 25 Prozent. Die Gründer besitzen rund 30 Prozent, die Investoren etwa 45 Prozent. "Zur Vision eines Start-up gehört, dass alle Mitarbeiter Eigentümer sind und mitmachen", ist Kunze überzeugt. Getreu dem Motto: "Wir gewinnen zusammen, oder wir verlieren zusammen." 

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