Zwei Gründer-Generationen: Andreas Kunze und Felix Reinshagen


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29 Nov
29Nov

29. Dezember 2016

Andreas Kunze und Felix Reinshagen gehören zu den erfolgreichsten Start-up-Unternehmern - und könnten unterschiedlicher kaum sein. Beide erleben sie ihre Highlights, manchmal auch gemeinsam. Wann sitzen sie schon einmal in einem vollbesetzten Airbus A320 der Bundeswehr mit hochkarätigen Repräsentanten aus Wirtschaft und Politik, allen voran mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, und fliegen gen China? 

Das Kennenlernen von Vertretern chinesischer Unternehmen eröffnet neue, bislang ungeahnte Geschäftskontakte. Die Zeit in der Kabine der Regierungsmaschine war Kunze und Reinshagen aber noch wertvoller. 33 Stunden auf engstem Raum: Lange Flugzeiten werden mit Gesprächen überbrückt, man wechselt oft die Sitze, um immer wieder neue Leute kennenzulernen - und sich bekannt zu machen.

Wertvolle Kontakte knüpfen

Ungeahnte Möglichkeiten, die sich den Unternehmensgründern Kunze und Reinshagen eröffnen. Sie schwärmen und müssen die Reizüberflutung mit vielen mitgenommenen Eindrücken und Kontakten verarbeiten. Beide sind das Gesicht zweier Start-ups, die zu den erfolgreichsten in diesem Jahr gehören. Deswegen sind sie für die China-Reise des Bundeswirtschaftsministers und Vizekanzlers als Mitglieder der großen Wirtschaftsdelegation Anfang November auserkoren worden.

                                                                                          Andreas Reinshagen Foto Navvis

Die beiden kennen einander schon länger: "Meistens trifft man sich bei Preisverleihungen", sagt der 25 Jahre alte Kunze lachend. Er ist Vorstandsvorsitzender der mit zwei Kumpels im Jahr 2014 gegründeten Konux Inc., eines Entwicklers von intelligenten Sensoren mit Sitz im kalifornischen Palo Alto, de facto aber von München aus agierend.

Begnadete Verkäufer

Wie Kunze ist auch Felix Reinshagen mit Gründerpreisen belohnt worden, 38 Jahre alt und Chef der 2013 mit einem Freund aus der Taufe gehobenen Navvis GmbH, die ein Navigationssystem zur 3-D-Kartierung von Gebäuden entwickelt hat.Gemein haben beide den Erfolg. Und sie sind gleichermaßen begnadete Verkäufer ihrer Ideen, die sich in völlig verschiedenen Welten entfalten. 

Kunze und Reinshagen sind verschiedene Typen: in Herangehens- und Denkweisen, in der Unbeschwertheit und in der Vorsicht, im Abwägen von Risiken - und irgendwie in Spitzbübischkeit wie Forschheit, die ein erfolgreicher Unternehmensgründer einfach haben muss. Was der Altersunterschied von mehr als zehn Jahren doch ausmachen kann: als verträten sie zwei Gründer-Generationen.

Geschäftsmann statt Haudrauf

Der Jüngere mag genauso überlegt handeln, ist aber spontan, manchmal auch kess; der Modus "Try and Error" - das Ausprobieren und Korrigieren - scheint öfter in Anspruch genommen zu werden. "Wir gehen unbeschwerter an die Sache heran", sagt Kunze, will das aber nicht generalisiert betrachtet sehen. Ein Haudrauf ist er schließlich nicht, sondern ganz Geschäftsmann, der schließlich Geldgeber überzeugen muss. In den meisten Fällen gehe man mit Vernunft und Bedacht vor, die Risiken im Blick.

Der Ältere handelt dennoch vorsichtiger, wägt stärker ab, hat die Risiken insofern mehr im Blick, als er eine Extrarunde im Denken dreht, bevor er entscheidet. Angesprochen darauf, sagt Felix Reinshagen, er habe den Vergleich zu den Jüngeren so noch gar nicht gesehen. Anders als sein jüngeres Gegenüber, das noch während des Studiums seine Geschäftsidee entwickelte, ist Reinshagen als Unternehmensberater von McKinsey schließlich schon berufserfahren und erfolgreich im Job gewesen.

Der "Alterspräsident"

 "Dann lernt man in der Tat, eher abzuwägen und über die eigene Risikoneigung nachzudenken, als frischweg von der Leber zu entscheiden", sagt er, der sich frotzelnd "Alterspräsident" in der Gründerszene nennt, zumal er einem Unternehmen vorsteht, dessen Mitarbeiter schätzungsweise ein Durchschnittsalter von 25 Jahren haben. In der erfolgreichen Arbeit, sagt er, habe man eine persönliche Reputation aufgebaut, die man damals nicht beschädigen wollte.

                                                                                          Andreas Kunze Foto Konux

Es ist die Denke eines Etablierten, der etwas zu verlieren hat und damit zwangsläufig ein höheres Risiko eingeht als jemand, der in den Beruf startet. Da fällt der Sprung ins kalte Wasser schwerer. "Am Ende haben wir uns ja auch getraut." Schmunzeln. Und noch etwas klingt durch: Älteren verzeiht man Fehler weniger; geht bei den Jungen etwas schief, ist das eher entschuldbar, denn: Sie haben ja noch keine Erfahrung. 

Ohne Allüren

Allüren zeigen beide nicht, haben - wenn auch nicht in Garagen - zumindest in engsten und widrigen Verhältnissen das Fundament für ihr Start-up gelegt. Reinshagen hat in einem Hinterzimmer des Lehrstuhls Medientechnik gesessen, einer Art Konferenzraum, in dem der Professor auch sein Telefonmuseum untergebracht hatte. Als die Gruppe auf 20 Leute gewachsen war, kam immerhin ein zweites Zimmer dazu. Kunze hatte den richtigen Riecher, sich zuerst im Silicon Valley niederzulassen, nicht nur wegen der dort vorhandenen Technologie- und Innovationsschmieden, sondern auch wegen der Geldgeber. 

Das heute noch gemietete Apartment in Palo Alto war spartanisch mit Möbeln aus einem unweit gelegenen schwedischen Einrichtungshaus ausgestattet, man hauste manchmal zu sechst dort, schlief wochenlang auf Matratzen auf dem Boden.Kunze studierte Wirtschaftsinformatik, als er die Idee für digitale lernfähige Sensoren entwickelte. Er stieß auf ein neuartiges Messprinzip, das es bis dato nicht auf den Markt schaffte. Er tat sich während des Studiums mit dem Elektro- und Informationstechniker Vlad Lata, 26 Jahre, und dem Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieur Dennis Humhal, 27 Jahre, zusammen. 

Hardware und Software vereint

Gegenüber der analogen Sensortechnik hat Konux ein System für Hardware- und Softwarelösungen in einem entwickelt. Daten werden erfasst und in Echtzeit analysiert, um Maschinen aus der Ferne zu kontrollieren und zu steuern. Der digitale Sensor ist intelligent und lernt dank der eingebetteten Software. Das Start-up hat damit einen wichtigen Baustein für die digitale, vernetzte Produktion geschaffen.Konux beliefert die Deutsche Bahn mit den Sensoren für Gleise, Weichen und das Gleisbett, um frühzeitig Materialermüdung zu erkennen. Sie können auch in Schraubautomaten und Werkzeugmaschinen eingesetzt werden oder in der Automobil- und Luftfahrttechnik sowie der Robotik. Das Potential ist so enorm, dass Andreas von Bechtolsheim und Michael Baum mit anderen großen Venture-Capital-Investoren Konux unterstützen, die Ikonen der internationalen Start-up-Szene. "Wir sind wahrscheinlich das jüngste Team gewesen, das von den großen Investoren aus dem Silicon Valley finanziert worden ist", sagt der umtriebige Akquisiteur Kunze.

Reinshagen hat schon ein erfolgreiches Berufsleben gehabt, bevor er unter die Gründer ging. Als Unternehmensberater ist er Spezialist in der High-Tech-Branche gewesen; seit der Jugend tüftelte er an Softwareprogrammen. Mit seinem Surf- und Segelkumpel Georg Schroth, der an der Elite-Universität Stanford im Silicon Valley und an der Technischen Universität München studierte, feilte er an einem Navigationssystem in Gebäuden. GPS funktioniert nicht unter einem Dach.Also entwickelten sie eine "Indoor-Navigation", die wie Google Maps oder Streetview visualisiert. 

Trollen durch Werkshallen

Ein Trolley hat Werkshallen, Produktionsstraßen von Autounternehmen, den Münchner Flughafen und das Deutsche Museum in München digital erfasst und macht das Innenleben sichtbar. Für eine Produktion bringt das wichtige Unterstützung in der Planung, können Prozesse besser gesteuert und verkürzt werden. Oder die Navigation bietet Konsumenten über das Internet virtuell einen Rundgang durch das Deutsche Museum oder den Flughafen München. Auch für dieses Geschäftsmodell fanden sich namhafte Investoren wie Don Dodge oder Target Partners.

Die Gesichter von Konux und Navvis treten als Gesprächspartner und Vorzeigegründer häufig auf großen Veranstaltungen auf - so oft, dass Reinshagen inzwischen auf die Bremse tritt. Schließlich muss er ein Unternehmen aufbauen, das mittlerweile 100 Mitarbeiter hat, die sich nicht automatisch selbst organisieren. 

Neues Büro in New York

Gerade erst wurde ein Büro in New York mit zunächst drei Mitarbeitern eröffnet; ein wichtiger Zwischenschritt mit dem Vorstoß auf einen neuen, anders gearteten Markt, den es erst einmal zu ergründen gilt. Und es gebe noch so viele zusätzliche Einsatzmöglichkeiten, an die er anfangs nicht im entferntesten gedacht habe, sagt er. Mit einer Navigation auf Baustellen etwa hätten Pannen auf dem Skandalflughafen Berlin oder in der nun fertiggestellten Elbphilharmonie verhindert werden können. 

Auch Kunze gehen die Ideen nicht aus, er hat im Unternehmen 35 Vollzeitarbeitsplätze, allerdings deutlich mehr Mitarbeiter. "Wir gewinnen mit unserem Projekt ganz schön Tempo", sagt er und zerbricht sich den Kopf über künstliche Intelligenz, die nächste Generation von Industrie 4.0.Als Jungspunde mit Hirngespinsten sind sie von der gesetzten Delegation in der Regierungsmaschine nicht wahrgenommen worden; vielmehr als Respektspersonen, die mit Elan ein Wagnis eingegangen sind. Deswegen hat der Wirtschaftsminister sie mitgenommen. Denn sie repräsentieren die neue deutsche Unternehmenskultur, die man sonst nur im Silicon Valley vermutet.

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