Crusta Nova: Der Fischer von Langenpreising


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13 May
13May

13. Mai 2020

Flugs hat Fabian Riedel 70 000 Flugblätter mit Gutschein drucken und in den Stadtteilen Münchens in die Briefkästen der Haushalte werfen lassen. Die Flyer-Aktion sollte helfen, Crusta Nova gar nicht erst ins Trudeln kommen zu lassen, weil die Stammkunden - Restaurants und Hotels - seine "Bayerische Garnele" nicht mehr abnehmen konnten. 

Die Aktion kam an, sagt der Gründer und Geschäftsführer der 2016 gestarteten Züchters der beliebten Krustentiere. Sie hat nicht nur Geschäft gebracht, sondern sein Unternehmen einer breiteren Masse bekannt gemacht. Dabei ist Crusta Nova in der Szene der Sterneköche von Jan Hartwig über Alexander Herrmann bis hin zu Anton Schmaus in gehobenen Restaurants und Hotels längst bekannt, genauso wie die Marke präsent ist in Fischläden und Fischtheken sowie im Lebensmitteleinzelhandel - von Edeka über Rewe bis Globus.

                                                  Fabian Riedel                Fotos Crusta Nova

Restaurants, Hotellerie und Catering-Anbieter, die die wichtigsten Abnehmer sind, haben im Lockdown immer noch zu. Und mit deutlchem Abstand folgt der Onlinehandel als Vertriebskanal. Die Sorgen um eine zu starke Abhängigkeit im Shutdown muss sich der 37 Jahre alte Riedel, der sich auf seiner Visitenkarte zuerst mit "Rechtsanwalt", dann mit "Gründer" und "Gesellschafter" ausweist, nicht machen.

 "Existenzängste haben wir nicht", sagt er. Den Juristen lässt Riedel nur noch selten raus. Anfangs half ihm die Anwaltstätigkeit noch bei der Finanzierung des Aufbaus, der sich zwischen 2012 und 2016 vier Jahre hingezogen hat. Die Corona-Krise ist der Beweis für eine gefestigte Existenz. "Wir sind inzwischen etabliert, sowohl im Markt als auch in unseren Prozessen", sagt er. "Das sieht man besonders in diesen schwierigen Tagen." Crusta Nova habe es geschafft, die Einnahmenverluste durch den gestiegenen Absatz im Einzelhandel sowie Online fast zu kompensieren. "Wir haben schnell und flexibel gehandelt." 

Kochen als Zeitvertreib im Shutdown

Und die Chance genutzt: Die in Wohnungen verbannten Menschen haben das Kochen als Zeitvertreib erkannt. Da bieten sich Gambas an, weil sie gesund, lecker und einfach zuzubereiten sind. Riedel fühlt sich in seinem Geschäftsmodell bestätigt. "Das Unternehmen ist zwar noch klein, aber wir haben schon viel erreicht und sind die Ersten in Europa in der Garnelenzucht", zieht er eine Zwischenbilanz; wohlwissend, dass noch viel zu tun ist. Das Unternehmen wachse, aber eben auf einem niedrigen Niveau.

Gerade einen mittleren einstelligen Millionenumsatz erzielt er mit seinen zwölf Mitarbeitern. Er nennt Crusta Nova ein "Agricultural Tech-Unternehmen", das Gambas, aber auch Fische jeder Art, "landbasiert" züchten kann. Der "erste deutsche Markengarnele" hat er den - nicht geschützten - Namen "Bayerische Garnele" gegeben, statt von der weltweit populären Sorte "White Tiger" zu sprechen. 

Das Geschäftsmodell ist die artgerechte, nachhaltige Züchtung im abgeschlossenen, geschützten Biotop. Rund 1,5 Millionen Garnelen, mehr als 30 Tonnen, verkauft Crusta Nova im Jahr; eine kleine Menge verglichen mit dem riesigen deutschen Markt. In der abgeschlossenen Halle von Crusta Nova in Langenpreising unweit vom Münchner Flughafen ist die Temperatur stetig auf 29 Grad hochgefahren. Schwülwarm ist es. In acht Becken - jeweils 5 mal 35 Meter groß - auf zwei Etagen werden vorne Baby-Garnelen eingesetzt, nach fünf bis sechs Monaten mit 15 Zentimeter Länge hinten abgefischt, per Gleichstrom als das "schonendste Verfahren" (Riedel) getötet und fangfrisch ausgeliefert.

Software "RAS" steuert - auch per App von zu Hause

Lüftungs- und Filteranlagen wurden eigens entwickelt. Bio-Fütterung, Zusammensetzung von Frischwasser und Salzwasser, Sauerstoffgehalt, pH-Wert als Säuregrad, Temperatur, mechanische und biologische Aufbereitung des zu 98 Prozent in den Kreislauf zurückgeführten Wassers sorgen für ideale Zuchtbedingungen Das alles wird über eine Software gesteuert, notfalls per App von zu Hause. "RAS" (Recirculating Aquaculture System) nennt Riedel die Technologie, den Nukleus von Crusta Nova.

Schöne neue Welt der Shrimps: Antibiotika, Hormone und Chemikalien sind tabu. Die kommen in verschärfter Form in den Freiluft-Zuchtanlagen in Asien und Südamerika zum Einsatz. Eine offene Zucht ist Umwelteinflüssen ausgesetzt, durch Bakterien von Menschen und Tieren oder Abwässer aus Flüssen bedroht. Meist sind derlei Kulturen in Mangrovenwäldern angesiedelt, um den Austausch von Meer- und Sumpfwasser zu nutzen. Die Massenhaltung zwingt jedoch zum Einsatz von Chemikalien.

Vor acht Jahren hat Fabian Riedel ein Faible für die White Tiger entwickelt. Angefangen aber hat es mit Flusskrebsen, die sein Schulfreund Maximilian Assmann als Lebensmitteltechnologe zu Forschungszwecken in seiner Wohnung züchtete. Assmann fand die spannend, Riedel nicht. Garnelen, das wäre was. "Die liebt jeder. Geld verdienen könne man damit obendrein. Er überzeugte seinen Kumpel. Riedel und Assmann entwickelten die Technologie für das geschlossene Aquafarming und gründeten Crusta Nova. 

Es sollte vier Jahre bis zur Marktreife brauchen. Ein Netzwerk von Experten und Unternehmen half, die sich mit Fischzucht, mit Wasserreinigung, Belüftung oder mit Kühlbau auskannten. Mit der Blaupause überzeugten sie 2014 Michael Ponnath, ein großer bayerischer Fleischverarbeiter. Er stieg als Investor ein. Es dürfte für Riedel ein schwerer Schlag gewesen sein, als sein enger Freund und Kompagnon aus gesundheitlichen Gründen 2016 ausgerechnet mit dem Start von Crusta Nova ausscheiden musste. Neben der menschlichen Betroffenheit musste er von da an die Arbeit seines Kumpels zusätzlich fortsetzen.

Investorenprozess nach vier Jahren Realbetrieb

Nach vier Jahren Realbetrieb beginnt eine neue Phase, eine der Expansion: "Der Investorenprozess hat gerade begonnen", kündigt Riedel an. "Ich suche strategische Partner, seien es klassische Risikokapitalgeber, Family Offices oder aus der Industrie." Das soll helfen, Crusta Nova neben der Garnelenzucht als "Marketing- und Vertriebsplattform für Seafood-Marken" in Deutschland und Österreich zu etablieren. Auf der gibt es schon exklusive Produkte aus der Welt unter Wasser; von Lieferanten, die ebenso unter hohen Standards züchten. In Marke und Bekanntheit, in Ausbau des Onlineshops, in Kühllager und Warenwirtschaftssysteme soll investiert werden.

"Die eindeutige Spezialisierung auf lokale Produktion und Nachhaltigkeit ist unsere Stärke", sagt er. "Das unterscheidet uns von den klassischen Volumenanbietern." N25 Kaviar, Ora King Lachs, norwegische Königskrabbe, europäischer Hummer, ampulische Sardelle und Tintenfisch oder Tristan Languste gehören schon zum Angebot; selbst edler Wein, Champagner und Olivenöl. Aber Thunfisch, Austern, Jakobsmuscheln oder Fische, die in Deutschland noch wenig bekannt und en vogue sind, fehlen noch.

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